Vom Flughafen zum Ryan-Fake

Spannungsaufbau in Alltag und Fiktion

Vom Flughafen zum Ryan-Fake – Spannungsaufbau in Alltag und Fiktion

In den letzten beiden Beiträgen ging es um die Frage, was emotional wirkungsvolle Geschichten unabhängig von Genre, Umfang und medialer Plattform verbindet. Es ging um Hook, Hold und Payoff, und die Möglichkeiten, die wir als Storyteller haben, um die Aufmerksamkeit unseres Publikums zu binden, zu halten und am Ende – ganz wichtig – auch zu belohnen.
Dieser Dreiklang ist eng verknüpft mit dem Prinzip des Spannungsaufbaus (und -abbaus). Aber was macht eine Geschichte spannend? Was ist Spannung überhaupt?

Spannung im Alltag

Emotionale Spannung, Anspannung und Stress sind eng verwandt. Doch wo ein Gespanntsein meist als positiver Stress, sogenannter ‚Eustress’ bewertet wird, werden Anspannung und Stress im Sinne von Disstress eher negativ gesehen.
Dabei teilen sie denselben Ursprung: Offene Fragen, die Unsicherheiten hervorrufen und ein anvisiertes Ziel oder den Ausgang einer Situation in Frage stellen … Werde ich die Prüfung bestehen? Werde ich rechtzeitig am Flughafen sein? Was werde ich auf meiner Reise erleben?
Wir sind von Natur aus neugierige Wesen. Spannung resultiert aus Ungewissheit, aus offenen Fragen, deren Antworten wir kennen möchten.
Welche emotionale Wirkungskraft eine solche Frage entfaltet, hängt vom betroffenen Fragesteller ab. Während der Pessimist zum Beispiel befürchten könnte, dass er einen Flug verpasst und sich deswegen auf dem Weg zum Flughafen stresst, sieht der Optimist an gleicher Stelle vielleicht gar kein Problem. Kann ich die Frage „Schaffe ich es rechtzeitig zum Flughafen?“ für mich eindeutig mit ‚Ja’ beantworten, entsteht keine Spannung, kein Stress.

Ein Gedankenexperiment

Welche Elemente könnten also dazu führen, dass Ihnen dieses Szenario Herzklopfen bereitet, vielleicht sogar zur Actionstory taugt?
Stellen Sie sich vor:

  1. Sie haben ein klares Ziel: rechtzeitig zum Abflug am Flugzeug zu sein.
  2. Es steht viel auf dem Spiel: Sie haben viel Geld in dieses Flugticket investiert, vielleicht sogar ihr letztes Geld; Sie können nicht einfach in den nächsten Flieger steigen, können nicht die lang geplante Reise antreten, kommen nicht mehr rechtzeitig zur Hochzeit ihrer besten Freundin etc.
  3. Sie haben ein Zeitlimit: Der Abflug ist in 30 Minuten. Die Uhr tickt.
  4. Die Erreichung des Ziels ist unwahrscheinlich: Sie sitzen noch im Bus zum Flughafen und dieser Bus steht im Stau. Von Ihrem derzeitigen Standort aus bräuchten Sie mindestens zehn Minuten bis zum Flughafen-Terminal – da hören Sie mittels Durchsage, dass ein Kieslaster seine Ladung auf der Fahrbahn verloren hat und die Straße deswegen auf unbestimmte Zeit gesperrt ist …
  5. Die Erreichung des Ziels ist unwahrscheinlich, aber MÖGLICH: Wenn Sie den Bus jetzt verlassen und laufen, und der Flug ein klein wenig Verspätung hat, gibt es eine minimale Chance, dass Sie den Terminal noch rechtzeitig erreichen.
  6. Ihre Charaktereigenschaften tragen zum Szenario spannungsfördernd bei: Sie sind willensstark/optimistisch genug, diese Flucht nach vorne zu versuchen und Sie können schnell laufen – aber auch nicht so schnell, dass ein rechtzeitiges Ankommen erwartbar und das Ziel Ihnen sicher wäre.

Jeder Punkt für sich wichtig, damit Spannung entsteht, doch nur im Zusammenspiel können sie wirken. Könnten Sie jederzeit ein neues Flugticket, vielleicht sogar für eine schnellere Verbindung erwerben, gäbe es keine Fallhöhe und die Spannung ließe nach. Hätten Sie noch zwei Wochen, um rechtzeitig zu besagter Hochzeit anzureisen oder noch fünf Stunden bis zum Abflug: die Spannung wäre gleich Null.

Der Sadist in mir

Wäre ich der Storyteller und Sie der Protagonist meiner Geschichte, würde ich Ihnen auf Ihrem Weg zum Flugzeug noch einige Steine in den Weg legen. Wortwörtlich zum Beispiel, indem Sie sich an dem verschütteten Kies vorbeikämpfen müssten oder zunächst darin stecken blieben. Aber auch im übertragenen Sinne, wenn Sie zehn Minuten vor dem Ende des Boardings tatsächlich den Flughafen erreicht hätten, nur um fast an einem sturen, regelversessenen Beamten bei der Sicherheitskontrolle zu scheitern. – Und ja, Storyteller sind Sadisten, wenn es um ihre Figuren geht. Sadisten im Dienste des Spannungsaufbaus.
Storytelling gleicht der Erschaffung eines permanenten Wechselspiels zwischen Ermöglichung und Verhinderung des dramatischen Ziels unserer Protagonisten.

Spannungsbögen in groß und klein

Dazu gehört das stetige Aufwerfen neuer und die Beantwortung offener Fragen, die im Rahmen der Verfolgung des dramatischen Ziels – hier: das Flugzeug rechtzeitig zu erreichen – eingewoben werden. Die Frage „Schafft es unsere Heldin/unser Held ins Flugzeug?“ formt dabei den Spannungsbogen unserer kleinen Geschichte, während wir weitere Fragen und Mini-Spannungsbögen einweben: Kann die Heldin sich aus dem Kies befreien oder droht sie gar zu versinken? Kann sie den Sicherheitsbeamten schnell genug überwinden/überlisten/außer Gefecht setzen?
Derartige ‚Story Questions’, über die auch mein Co-Blogger Philippe Patra hier schrieb, sind ein zentrales Element der Lehre von UCLA-Drehbuchdozent Karl Iglesias, auf der auch die sechs vorgehobenen Begriffe oben fußen. Tatsächlich handelt es sich bei diesen sechs Punkten um Iglesias’ Techniken für den Spannungsaufbau im Film, meines Erachtens sind sie aber wie die meisten Storytelling-Elemente medienübergreifend anwendbar, auch in der Literatur.

Frustration & Reward

In seinem Vortrag Key Emotions of Storytelling (Script Productions) erläuterte Karl Iglesias in diesem Zusammenhang eine Technik, die er ‚Frustration & Reward’ nennt, die ‚Frustrations- & Belohnungs’-Technik. Iglesias bezieht diese Technik auf die Protagonisten und die anderen Figuren der Geschichte. Es geht um die Balance zwischen Scheitern und Meistern ihrer Aufgaben. Unsere Heldin verlässt den Bus mit der Idee und Hoffnung, den Flughafen zu Fuß zu erreichen (Reward), nur um kurz darauf im Kies zu versinken (Frustration), aus dem sie sich jedoch wieder befreit (Reward), um an der Sicherheitskontrolle aufgehalten zu werden (Frustration), usw.
Gleichermaßen lässt sich die Technik aber auch auf die LeserInnen anwenden. Das Spiel mit der Ungewissheit, Ängsten und Hoffnungen der Leserschaft, kleinen Payoffs und neuen Hooks bestimmt jeden Spannungsbogen.
Im Beispiel oben funktioniert diese Spannungserzeugung, weil ich Sie direkt anspreche. Sie SIND der Protagonist dieser Geschichte.

Die 7. Zutat

Im Roman, Kinderbuch oder Film folge ich dagegen fremden Charakteren, deren Schicksal mich nicht kümmern müsste. Dass dies trotzdem der Fall ist, liegt an einem siebten, wichtigen Punkt: Der Empathie der LeserInnen mit den handelnden Figuren, also der Fähigkeit, Gefühle, Gedanken und Motive der Protagonisten zu verstehen, als wären es die eigenen. Sie ist Voraussetzung dafür, dass Zeitlimits, antagonistische Kräfte und Co. auch mich als Leserin oder Zuschauer betreffen.
Wie man eine solche fiktionale Figur, mit der die Leserschaft mitfühlt, erschaffen kann – darum geht es in den nächsten Beiträgen.

Ein aktuelles Beispiel: Der gefakte Gosling

Egal, ob Sie den von Joko und Klaas inszenierten Auftritt eines Ryan-Gosling-Doubles bei der Verleihung der Goldenen Kamera miterlebt haben, die folgenden zwei Videos machen Spaß und zeigen sehr schön, wie die genannten Merkmale gewinnbringend in fiktionalen und non-fiktionalen Formaten Anwendung finden:

Die Videos zeigen auch: Nicht nur die Frage ‚Was wird passieren?’, sondern auch ein ‚Wie wird es passieren?’ bzw. ‚Wie werden die Figuren auf das, was passiert, reagieren?’ sorgt für Spannung und spricht unsere Neugier an.

Auch vor dem Hintergrund von Corporate Storytelling sind die Aktion und die Videos von Circus HalliGalli interessant. Betrachtet man die Angelegenheit aus Sicht des Teams der Goldenen Kamera, sind die Enthüllungen rund um die Form der Preisvergabe wohl ein GAU. – Außer natürlich man geht nach dem Prinzip „auch schlechte Presse ist gute Presse“, denn immerhin fand die Goldenen Kamera in diesem Jahr durch ‚Ryan-Gate’ deutlich mehr Beachtung als in den letzten Jahren.
Für das Moderatorenteam Joko und Klaas verkörpert die Aktion jedoch eine perfekte Spiegelung des Markenkerns von Circus HalliGalli, den Klaas Heufer-Umlauf als „eine Unterhaltungssendung mit festlich inszeniertem Trash“ beschreibt.


Christina M. Schollerer | writer producer lecturer

© Julian van Dieken

Christina Maria Schollerer hat Europäische Medienwissenschaft studiert und lehrt seit 2012 Formatentwicklung & Storytelling an der Fachhochschule Potsdam. Sie ist freie Dozentin, Autorin und Producerin und konzipiert Storytelling-Formate aller Art – vom klassischen Bilderbuch über transmediale Buchkampagnen bis zum international erfolgreichen Online-Kurs „The Future of Storytelling“, der 2013 vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ausgezeichnet wurde. www.crossmedienne.com

In ihrer Blogserie schreibt sie von nun an monatlich über das Thema Corporate Storytelling in all seinen Facetten.