Ostern und der Plot Twist

Von Spannungsbögen, Wendepunkten und Ken Folletts sechster Seite

Ostern und der Plot Twist

Jesus, ein Staatsfeind und Rebell, der für seinen Glauben einsteht – und dafür von seinen Gegnern gekreuzigt wird. Seine Vertrauten, die um ihn trauern und weinen. Die sein Grab besuchen und es am Ostermorgen leer vorfinden. Weil er von den Toten auferstanden ist …

Kaum eine Geschichte wurde derart oft vertont und verfilmt wie die Lebensgeschichte von Jesus Christus. Kein Wunder, denn sie enthält alle Zutaten, die auch andere Geschichten spannend macht: Allen voran die faszinierenden Helden mit hehren Zielen, antagonistische Kräfte en masse … und: Wendepunkte! Sogenannte Plot Twists. Vor allem jenem oben beschriebenen, dem die Kampagne um die Aktion darum-ostern.de mit einem Augenzwinkern ein eigenes Plakat gewidmet hat. (Das Foto dazu habe ich am Berliner Ernst-Reuter-Platz aufgenommen.)

Der Twist in der Geraden

Spannung resultiert aus Ungewissheit, aus offenen Fragen, deren Antworten wir kennen möchten. Ein Spannungsbogen beschreibt die emotionale Reise des Rezipienten: von A – dem Aufwerfen einer Frage – bis zu B – ihrer finalen Beantwortung.
Natürlich ist diese Reise idealerweise nicht besonders geradlinig.
Deswegen stellen Wendepunkte einen wichtigen Bestandteil jedes Spannungsbogens dar. Sie geben der Handlung eine neue Richtung, überraschen und spielen mit den Erwartungen der Leserschaft. Bei klassischen Geschichten, die in drei Akte – Anfang, Mitte und Ende bzw. Exposition, Konfrontation, Auflösung – gegliedert sind, spricht man grundsätzlich von zwei zentralen Wendepunkten, sog. Plot Points, die jeweils Akt 1 und 2 sowie Akt 2 und 3 trennen beziehungsweise den nächsten Akt einleiten (siehe Syd Fields ‚Screenplay – The foundations of screenwriting’, erstmals erschienen 1979).
Fesselnde, längere Geschichten enthalten neben den zentralen meist noch unzählige weitere, kleinere und größere Wendepunkte. Genauso wie größere Spannungsbögen unterfüttert durch unzählige kleinere Bögen und Frage-Antwort-Spielchen werden – in jedem Akt, jedem Kapitel und womöglich sogar auf jeder Seite und in jedem Absatz.

Ken Folletts sechs Seiten

Autor Ken Follett (Die Säulen der Erde) schreibt auf seiner Website, dass er, um die Leserschaft nicht zu langweilen, einen Wendepunkt auf jeder sechsten Manuskriptseite für sinnvoll erachtet. Eine Regel, die laut Follett bereits Jane Austen und Charles Dickens (bewusst oder unbewusst) befolgt hätten.
Trotz immer schnellerer Erzählweisen, gerade im TV-Bereich, warnt der Bestseller-Autor aber gleichzeitig davor, die Wendepunkte zu dicht aufeinander folgen zu lassen und rät, die Dramatik einer Geschichte lieber voll auszukosten und die diese kleineren und größeren Wendepunkte bewusst zu setzen.
Denn die Wirkung zu schnell aufeinander folgender Wendungen stiftet Verwirrung, lenkt im blödesten Falle von den Motivationen und Zielen unserer Protagonisten ab, verhindert damit, dass ich die Handlung vollständig nachvollziehen kann und dass ich empathisch mitfühle – und so wird letztlich aus vermeintlicher ‚Hoch-Spannung’ eine Art ‚Über-Spannung’, und somit das Ausbleiben jeglicher Spannung bis hin zur Langeweile, wie man es beispielsweise im Action-Blockbusterkino der letzten Jahre häufiger erleben konnte.

Der Plot Twist als prägendes Story-Element

Dagegen erinnert sich wohl jeder an den ein oder anderen Plot Twist, der einen förmlich umgehauen hat. Denn von der Lebensgeschichte Jesu Christi einmal abgesehen, wartete die Welt- und Kulturgeschichte immer wieder mit starken Wendepunkten auf: die Eroberung Trojas durch das Einschleusen des Pferdes, Dornröschens Erlösung aus dem hundertjährigen Schlaf per Prinzenkuss, Harry Potters Erkenntnis, wer wirklich den Stein der Weisen stehlen will – und seit 1999 unter Filmfans ganz sicher: ‚The Sixth Sense’, um nur ein paar herausragende Beispiele zu nennen.

Der Plot Twist als Falle

Natürlich lädt die Möglichkeit des Überraschungseffekts den gewieften Storyteller dazu ein, mittels einer möglichst verrückten, krassen Wendung zu schockieren und somit vielleicht Literaturgeschichte zu schreiben. Doch auch hier ist Vorsicht geboten, denn unsere Hook-Hold-Payoff-Sehnsucht verlangt nach einer gewissen Logik. Ein Deus-ex-Machina-Moment (= der Gott aus der Theatermaschinerie) ist beispielsweise in den seltensten Fällen eine gute Idee.

Deus-ex-Machina für Fortgeschrittene

Außer – und das ist wirklich eine Ausnahme – man geht mit dieser Wendung so offensiv um, dass deren Kuriosität das Format eher stärkt als schwächt. Ein nettes Beispiel dafür ist der Mercedes-Benz-Werbespot vom Super Bowl 2015, der die Unglaubwürdigkeit seines Plot Twists hörbar als solchen betitelt.
Und ja, ich halte es wie die Akteure hinter darum-ostern.de für wichtig, die Ursprünge des Osterfestes zu kennen. Hasen zu Ostern sind dennoch für mich unentbehrlich … deshalb: Frohe Ostern – und hier der besagte Clip.


Christina M. Schollerer | writer producer lecturer

© Julian van Dieken

Christina Maria Schollerer hat Europäische Medienwissenschaft studiert und lehrt seit 2012 Formatentwicklung & Storytelling an der Fachhochschule Potsdam. Sie ist freie Dozentin, Autorin und Producerin und konzipiert Storytelling-Formate aller Art – vom klassischen Bilderbuch über transmediale Buchkampagnen bis zum international erfolgreichen Online-Kurs „The Future of Storytelling“, der 2013 vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ausgezeichnet wurde. www.crossmedienne.com

In ihrer Blogserie schreibt sie von nun an monatlich über das Thema Corporate Storytelling in all seinen Facetten.