Klassisches Storydesign

Von YouTube-Clips, Hunger Games und griechischen Dramen

Klassisches Storydesign

Nachdem ich die ersten beiden Monate dieser Blogserie dem Potenzial von Geschichten gewidmet habe, möchte ich ab November ihrer Struktur und Form auf die Pelle rücken.
Wie also sehen sie aus, diese emotional starken Geschichten? Was bildet ihren Kern? Und welche Merkmale vereinen sie?

Was beispielsweise haben Homers Odyssee, Hollywood-Blockbuster wie Krieg der Sterne (Star Wars) und Jugendromane wie Harry Potter, Die Tribute von Panem (Hunger Games) und Cornelia Funkes Tintenherz gemeinsam? Abgesehen davon, dass sie alle höchst erfolgreich über Jahre hinweg ihr Publikum gefesselt haben?!
Nun, alle diese Geschichten zeigen aktive Helden oder Heldinnen, die losziehen, um ein bestimmtes Ziel zu verfolgen und dafür gegen Ungeheuer sowohl tierischer, menschlicher als auch immaterieller Art kämpfen, bis sie letztlich – obwohl es anfangs fast aussichtslos erscheint – diese Ungeheuer besiegen … oder von ihnen besiegt werden.

Diese Beobachtungen führen uns direkt zu einem der heutigen Hauptprinzipien der Dramaturgie, das der Drehbuch-Dozent Robert McKee das „Classical Design“ nennt, das klassische Story-Modell. In ähnlicher Form ist es auch unter den Begriffen Archeplot, Drei-Akt-Struktur oder Paradigma des Hollywoodfilms (von Syd Field) bekannt geworden.

Neue Helden, alte Formeln

Neu ist dieses Prinzip keineswegs, denn seine Spuren führen zurück zu Aristoteles’ Poetik von 335 v. Christus. Seitdem haben Dichter und Wissenschaftler wie Friedrich Schiller, Gustav Freytag und Lajos Egri dieses Grundmuster des Erzählens erweitert und mehrfach neu verfasst. Meist konzentrierte man sich dabei auf das klassische Drama als zentrales Forschungsobjekt, die wesentlichen Elemente des Schemas aber sind geblieben:

Im Kern des klassischen Storydesigns nach McKee steht ein aktiver Protagonist, der ein klares Ziel verfolgt …
Screenshots aus meinem Kurs „The Future of Storytelling“, Chapter 1, Unit 5
… für dieses Ziel gegen innere und äußere Widerstände kämpft …
Screenshots aus meinem Kurs „The Future of Storytelling“, Chapter 1, Unit 5
… und am Ende der Handlung diese antagonistischen Kräfte überwindet oder gegen sie verliert.
Screenshots aus meinem Kurs „The Future of Storytelling“, Chapter 1, Unit 5
Im Falle des Sieges unserer Heldin besitzt die Geschichte ein Happy End. Im Falle des Besiegtwerdens und Versagens handelt es sich um eine Tragödie.
Archeplot Part 4
Alle fünf Fotos sind Screenshots aus meinem Kurs The Future of Storytelling, Chapter 1, Unit 5, © FH Potsdam

Das Ziel unserer HeldInnen, in der Dramaturgie auch „Object of Desire“ (Objekt der Begierde) genannt, kann dabei sowohl ein rettender Gegenstand, ein Elixier, sein, wie auch eine Person oder die Rettung dieser Person, wie wir es aus unzähligen Märchen und Legenden kennen, wenn ein Prinz loszieht, um die holde Prinzessin zu befreien.

Das Motiv der wunderschönen Prinzessin, die die Hilfe unseres Helden benötigt, ist dabei längst nicht auf jahrhundertealte Geschichten und Märchen beschränkt. So finden wir es beispielsweise im Ursprungsfilm Krieg der Sterne, wenn Luke Skywalker loszieht, um Prinzessin Leia zu retten, deren Hilferuf er zuvor als Hologramm erhalten hat. Aber auch in Tintenherz taucht es auf, wenn Meggie nach Italien reist, um ihren Vater Mo zu befreien. Nur, dass es hier nicht um eine Prinzessin, sondern um die Rettung von Meggies Vaters als dem „Objekt der Begierde“ geht. In Die Tribute von Panem dagegen meldet sich Katniss Everdeen freiwillig als Tribut, um ihre Schwester zu beschützen. Sie kämpft gegen Präsident Snow und all die Fallen und Gefahren, die ihr Antagonist im Rahmen der Hungerspiele direkt oder indirekt auf sie loslässt. Dabei verfolgt sie vor allem ein Ziel alias Objekt der Begierde: Freiheit und Sicherheit für ihre Familie zu erlangen.

Epen für Kinder

In all den genannten Beispielen geht es um Leben und Tod, um lebensbedrohliche Situationen und teils wenig (klein)kindgerechte Inhalte. Und doch weisen sogar viele erfolgreiche Bilderbuchgeschichten die gleichen Grundbausteine auf, nur übertragen auf kindgerechte Inhalte und Situationen. So stellt das drohende Eingesperrtwerden einer lieben Freundin (wie in Malwine in der Badewanne) oder eine fehlende Zugehörigkeit und Identität (Das kleine Ich bin ich oder Na klar, Lotta kann Radfahren) für Kinder sehr nachvollziehbare Feindbilder, also starke antagonistische Kräfte dar. Die HeldInnen bekämpfen diese Kräfte und besiegen sie am Ende; aber erst nachdem sie mindestens einmal fast an ihnen gescheitert wären, wenn wir zum Beispiel an Lottas Sturz nach dem Diebstahl des alten und viel zu großen Fahrrads denken, weil ihr selbst zunächst statt eines Fahrrads nur ein Dreirad übrig bleibt.

Wer sich des Modells des klassischen Storydesigns bewusst ist, kann es brechen oder damit spielen, wie viele Roman- und DrehbuchautorInnen es bereits tun. Doch es lohnt sich, sich klarzumachen, dass dieses Muster wie kein anderes die Unterhaltungsformate der letzten tausend Jahre durchzieht – teils unbewusst, teils völlig bewusst wie im aktuellen Hollywoodkino, dem nicht selten auch Formelhaftig- und Berechenbarkeit vorgeworfen wird.
Dabei ist das Erzählstrukturmodell nicht nur im Unterhaltungsbereich aktiv, sondern auch im Corporate Storytelling in all seinen Formen.

Mehr dazu, was Marketing und Unternehmenskommunikation mit dem klassischen Storydesign verbindet, erfahren Sie hier im Blog im kommenden Monat.

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Weiterführende Quellen:
Aristoteles (335 v. Chr.): Poetik. / Robert McKee (1997): Story, S. 45. / Syd Field (1979): Screenplay – The Foundations of Screenwriting.


Christina M. Schollerer | writer producer lecturer

© Julian van Dieken

Christina Maria Schollerer hat Europäische Medienwissenschaft studiert und lehrt seit 2012 Formatentwicklung & Storytelling an der Fachhochschule Potsdam. Sie ist freie Dozentin, Autorin und Producerin und konzipiert Storytelling-Formate aller Art – vom klassischen Bilderbuch über transmediale Buchkampagnen bis zum international erfolgreichen Online-Kurs „The Future of Storytelling“, der 2013 vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ausgezeichnet wurde. www.crossmedienne.com

In ihrer Blogserie schreibt sie von nun an monatlich über das Thema Corporate Storytelling in all seinen Facetten.

© Julian van Dieken

Christina Maria Schollerer

Christina Maria Schollerer hat Europäische Medienwissenschaft studiert und lehrt seit 2012 Formatentwicklung & Storytelling an der Fachhochschule Potsdam. Sie ist freie Dozentin, Autorin und Producerin und konzipiert Storytelling-Formate aller Art – vom klassischen Bilderbuch über transmediale Buchkampagnen bis zum international erfolgreichen Online-Kurs „The Future of Storytelling“, der 2013 vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ausgezeichnet wurde.

chris@crossmediennne.de
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