Vom Glück, lesend die Welt zu entdecken

Interview mit Christiane Raabe, Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek in München

By 25. Oktober 2017 Interviews No Comments
Bibliothek

Sie liebt Bücher und arbeitet an einem ihrer Leidenschaft auf das Beste entsprechenden Ort: einem Bücherschloss. Christiane Raabe ist allerdings keine Prinzessin, sondern Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek in München. Die Bibliothek im spätmittelalterlichen Schloss Blutenburg ist die weltweit größte Bibliothek für internationale Kinder- und Jugendliteratur. Die von einer Stiftung getragene Einrichtung engagiert sich auf vielfältige Weise für die Förderung einer lebendigen Lesekultur. Dieses Engagement und die Leidenschaft für das Medium Buch wird auch im Gespräch mit Raabe deutlich. Dass sie eines Tages als bücherliebende Schlossherrin arbeiten würde, war allerdings alles andere als ausgemacht. Schließlich wollte sie ursprünglich etwas ganz anderes werden.

 

Christiane Raabe, Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek in München

Christiane Raabe, Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek

Wann haben Sie ihr letztes Kinder- oder Jugendbuch gelesen?

Vorgestern. Das Buch hieß „Jener Sommer“ von Anna Xiulan Zeeck. Es ist in dem kleinen Desina Verlag erschienen und stammt von einer Autorin, die ursprünglich aus China kommt. Sie schreibt über die unerträglichen Verhältnisse in einer chinesischen Eliteschule. Man hört ja immer wieder, welchen Stress chinesische Schüler haben, dass sie von morgens bis abends für die Schule arbeiten müssen und dass sie unter enormen Konkurrenzdruck leiden. Das Buch beschreibt das sehr anschaulich. Es ist kein hochliterarischer Titel aber ein empfehlenswertes Themenbuch. Ich fand die authentische Perspektive, mit der die Autorin die Schulgeschichte verfasst hat, interessant. Der Leser bekommt einen guten Einblick in ein Bildungssystem, das komplett anders als das unsere ist. Es ist auf Drill, Leistung und Konkurrenz ausgerichtet. Gleichzeitig habe ich das Jugendbuch „Der Schuss“ von Christian Linker gelesen, ein politischer Thriller, in dem es um Rechtspopulismus geht.

Und was war Ihr erstes? Können Sie sich noch das erste Buch erinnern, das Sie in Ihrer Kindheit gelesen haben?

Es gibt bei mir nicht das erste erinnerte Kinderbuch. Eine große Rolle spielte das Bilderbuch „Der goldene Vogel“, ein Märchen der Gebrüder Grimm, illustriert von Lilo Fromm. Ich habe als Kind wahnsinnig viel gelesen: Astrid Lindgren, Otfrid Preußler, Märchen – also die ganzen Kinderbuchklassiker rauf und runter.

Sie sind in einer sehr bibliophilen Umgebung aufgewachsen. Ihr Vater war Leiter der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Wie hat man sich die Leseförderung in Ihrem Elternhaus vorzustellen?

Leseförderung in dem Sinne, dass viel vorgelesen wurde, fand eigentlich nicht statt. Bei uns gab es aber sehr viele Bücher. Meine Geschwister und ich bekamen Kinder- oder Bilderbücher zum Geburtstag oder zu Weihnachten geschenkt oder Freunde brachten Bücher mit, wenn sie zu Besuch kamen. Es waren immer relativ aktuelle Titel, darunter auch preisgekrönte Bücher oder solche mit einem künstlerischen Anspruch. Ich bin in den Sechziger Jahren groß geworden, als die abstrakte Malerei eine große Rolle spielte. Das hat sich teilweise in den Bilderbüchern widergespiegelt, die wir hatten. Ich erinnere mich beispielsweise gerne an Leo Lionnis „Das kleine Blau und das kleine Gelb“.
Später bin ich leidenschaftlich gerne in die Bücherei gegangen und habe die Regale mit Kinderbüchern leergeräumt. Ich habe alles gelesen, was mir unter die Finger kam: natürlich Enid Blyton, Abenteuergeschichten, Kinderkrimis, sehr gerne übrigens auch Sachbücher und Lexika, in denen ich stundenlang blättern konnte. Obwohl ich in einem bibliophilen Haushalt aufwuchs, haben meine Eltern mich und meine Geschwister nie zum Lesen gedrängt. Man muss sich das vielmehr so vorstellen, dass das Feld beackert war und ich mich nur noch bedienen musste. Das war sehr schön.

Bei der großen Liebe zu Büchern erscheint Ihre derzeitige Aufgabe ja nur konsequent. Sie leiten eine Bibliothek, noch dazu die weltweit größte für internationale Kinder- und Jugendliteratur. Dabei haben Sie diesen Werdegang ursprünglich doch gar nicht angestrebt. Warum eigentlich nicht?

Der Wunsch, eine Bibliothek zu leiten, ist vermessen, wenn man einen so bekannten Bibliothekar zum Vater hat wie ich. Dieser Gedanke lag mir deshalb lange ferne. Ich habe weder als Kind noch als junge Erwachsene das Ziel verfolgt, eine Bibliothek zu leiten. Nach der Schule ging ich erst einmal auf eine Kunsthochschule. Eigentlich wollte ich freie Künstlerin werden, war aber nicht mutig genug und habe deshalb Kunst auf Lehramt und Geschichte in Braunschweig studiert.
Im Grunde ist in meinem Leben immer der Zufall im Spiel gewesen. Ich studierte beispielsweise bei einem außergewöhnlich gescheiten Professor, der mich an das Fach der mittelalterlichen Geschichte heranführte, obwohl mich das ursprünglich überhaupt nicht interessierte. Aber es faszinierte mich, wie präzise er dachte und wie er die Welt des Mittelalters intellektuell sezierte. Nach dem Studium habe ich dann an der FU Berlin als wissenschaftliche Mitarbeiterin der mittelalterlichen Geschichte gearbeitet und dort auch promoviert. Mit Kinder- und Jugendliteratur habe ich mich damals gar nicht beschäftigt.

Dass ich nicht Literaturwissenschaft studiert habe, war eine bewusste Entscheidung. Mich hat das Lesen in der Schule immer gequält. Ich fand, dass man im Unterricht literarische Texte kaputtredete und ihnen damit das Geheimnis, was sie für mich oft hatten, irgendwie nahm. Ich habe Texte anders gelesen, als man sie in der Schule analysierte, und hatte immer das Gefühl, dass das, was Lesen für mich bedeutet, in der Schule zerstört wurde. Meine persönlichen subjektiven Leseerlebnisse wollte ich mir nicht nehmen lassen, dafür war mir das Lesen zu wichtig.
Nach meiner Promotion habe ich 13 Jahre in einem wissenschaftlichen Bibliotheksverlag gearbeitet und hatte dort viel mit Bibliotheken zu tun. Gleichzeitig habe ich gemalt und geschrieben. Als die Leitung der Internationalen Jugendbibliothek ausgeschrieben wurde, dachte ich mir, ich könnte einen Wechsel in meinem Leben gebrauchen, ohne dass ich mir irgendwelche Chancen ausgerechnet hätte. Das Interesse an Literatur, an Bibliotheken, Illustration und Kulturprojekten in dieser Position miteinander zu verbinden, schien mir reizvoll. Mein Weg zur Internationalen Jugendbibliothek ist also kein geradliniger gewesen, Glück und Zufall waren mit dabei.

Was würde uns ohne lebendige Kinder- und Jugendliteratur am meisten fehlen?

Ich glaube das Glücksgefühl, sich lesend auf irgendwelche Abenteuer einzulassen. Damit verbunden befürchte ich, dass eine Gesellschaft ohne eine lebendige Kinder- und Jugendliteratur phantasielosere würde. Kinder und Jugendliche nehmen über das Internet sehr viel Wissen auf, aber es ist nicht die beglückende und kreative Art, sich Welt zu erobern, die man durch das Lesen erfahren kann. Ich sehe es als leidenschaftliche Leserin ein bisschen mit Wehmut, dass das Bedürfnis, sich lesend in andere Welten zu vertiefen, abnimmt. Nehmen Sie zum Beispiel „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“, ein Buch, das ich als Kind liebte. Mark Twain hat uns Kindern ein Gefühl von Freiheit, Anarchie und Ungezügeltem vermittelt, das man als Kind braucht, um den Regeln der Erwachsenen und der Schule innerlich etwas entgegenzustellen. So habe ich das jedenfalls damals empfunden. Diesen Funken Anarchie wünsche ich den Kindern von heute mehr denn je. Es wäre sehr schade, wenn das verloren ginge. Nicht zuletzt, weil die Gestaltung einer Gesellschaft große Kreativität, Phantasie, Kraft für Visionen und vielleicht auch etwas anarchische Energie braucht. All das kann man gut entwickeln, wenn man Kinderbücher liest. Davon bin ich jedenfalls überzeugt.

Werden Kinder in zwanzig Jahren noch Bücher lesen?

Davon gehe ich aus. Aber ich befürchte schon, dass der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die lesen, geringer wird. Man kann ja jetzt schon sehen, dass durch die Digitalisierung das Medienangebot unüberschaubar groß geworden ist, man gleichzeitig Verschiedenes online konsumiert und die Konzentration nachlässt. Die Fähigkeit nimmt ab, sich Zeit zu nehmen und sich für mehrere Stunden in ein Buch zu vertiefen. Das braucht Geduld und eine Fokussierung auf eine Sache, was der Schnelllebigkeit von heute nicht mehr entspricht. Die Sequenzen werden immer kürzer, in denen man Wissen und andere Inhalte aufnimmt. Das steht dem Lesen, das Zeit braucht, komplett entgegen. Das Lesen von Büchern ist nicht grundsätzlich bedroht, aber ich kann mir vorstellen, dass das Lesen von Büchern als eine tragende Kulturtechnik künftig eher in einer Nische stattfindet und somit marginalisiert wird.

Müssen Geschichten in der Smartphone-Ära vielleicht anders erzählt werden, damit sich Kinder für sie begeistern können?

Das weiß ich nicht. Geschichten müssen immer spannend und gut erzählt sein, egal ob sie zwischen zwei Buchdeckeln, auf dem Tablet oder in einer Netflix-Serie erzählt werden. Wir werden allerdings noch eine Reihe von Studien zu lesen bekommen, die zeigen, dass das analoge und das digitale Lesen zwei unterschiedliche Dinge sind. Da wissen wir im Moment vielleicht noch zu wenig. Das Lesen eines physischen Buches ist mit einer räumlichen Orientierung verbunden und unterscheidet sich daher grundsätzlich vom zweidimensionalen Lesen auf einem Smartphone. Man erinnert sich im Buch beispielsweise an bestimmte Textstellen, indem man sie immer auch räumlich, etwa am Buchanfang oder Buchende, nachschlägt. Das ist beim digitalen Lesen bisher nicht möglich.
Es geht aber noch weiter. Ich denke, dass es für Kinder eine emotional sehr positive Erfahrung ist, wenn sie Bilderbücher mit den Eltern lesen und dabei feststellen, meine Eltern nehmen sich Zeit, die setzen sich mit mir zusammen, zum Beispiel aufs Sofa, ich bin dazwischen oder sitze bei meiner Mutter, meinem Vater oder bekomme eine Geschichte vorgelesen. Ich glaube, dass Kinder, die diese schöne Erfahrung machen, ein Grundgefühl der Wärme und des Positiven in sich verankern, das sie auch später begleiten wird und dazu führt, dass sie es genießen können, sich mit einem guten Buch und einer Tasse Tee einfach hinsetzen zu können. Und deswegen ist es so wahnsinnig wichtig, Kinder Geschichten vorzulesen. Denn das bekommen sie am Smartphone oder Computer nicht vermittelt.

Wie beurteilen Sie den kulturellen Stellenwert von Geschichten für Kinder im internationalen Vergleich?

Das ist pauschal schwer zu sagen. Es gibt Länder, da sieht es wirklich düster aus. Da wird wesentlich weniger gelesen als bei uns. In Deutschland haben wir einen sehr lebendigen Buchmarkt und gerade im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur erscheinen viele tolle Titel, die einem große Freude machen. Es gibt andere Länder, in denen das Erzählen für Kinder einen geringeren Stellenwert hat.
Wenn man eine internationale Einordnung machen möchte, dann kann man mit Vorsicht vielleicht von nationalen Schulen des Erzählens sprechen in dem Sinne, dass in bestimmten Ländern Genres Erfolg haben können, die es auf dem deutschen Buchmarkt schwer haben. Es gibt etwa Formen des magischen Realismus oder der kurzen Erzählform, die anderswo sehr populär sind, auf dem deutschen Kinderbuchmarkt aber nicht funktionieren.
Im internationalen Vergleich kann man sagen, dass der deutsche Kinderbuchmarkt sehr weltoffen ist. Es wird viel aus anderen Sprachen übersetzt, in erster Linie aus dem Englischsprachigen, aber nicht nur. Das ist sicher eine historische Besonderheit, die mit dem Aufbau des deutschen Kinder- und Jugendbuchmarkt nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat. Ich finde das ausgesprochen positiv und bemerkenswert.

Die Internationale Jugendbibliothek, das Bücherschloss, ist ja eine sehr facettenreiche Institution. Welcher Aspekt Ihrer Arbeit macht Ihnen besonders Freude?

Das Entdecken von neuen Büchern, Autoren oder Illustratoren, die bei uns bisher nicht bekannt, weil nicht übersetzt, sind, die aber eine spannende Literatur schreiben oder überraschend illustrieren. Wenn ich irgendetwas Neues entdecke, was ich so noch nie gesehen oder gelesen habe, dann ist das etwas, das mich wirklich erfreut und beglückt. Ich bekomme sehr viele Bücher auf den Tisch und vieles ähnelt sich, aber wenn dann plötzlich ein Bilder- oder Kinderbuch darunter ist, das ich so noch nie gesehen habe, ist das faszinierend. Dafür kann ich mich begeistern.
Wir haben in der Internationalen Jugendbibliothek die wunderbare Möglichkeit, die Kinder- und Jugendliteratur aus aller Welt nicht nur zu sammeln, sondern uns für sie auch einzusetzen, indem wir Autoren und Illustratoren aus dem In- und Ausland einladen, Lesungen und Podien organisieren, Bücher empfehlen oder Ausstellungen machen. Dabei kommt es immer wieder zu schönen menschlichen Begegnungen, die lange nachwirken und mich auch persönlich bereichern.
Das Andere, was mir als Historikerin gut gefällt, ist, dass wir uns kultur- und bildungspolitisch engagieren, was in der aktuellen gesellschaftlichen Situation wichtiger denn je ist. Wir setzen immer wieder Akzente, arbeiten mit Flüchtlingen, stellen Fragen zum Thema Literatur und Politik oder setzen uns mit der Migrationsfrage auseinander. Im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur wird leider gelegentlich leichthin mit Stereotypen gearbeitet, etwas in der Darstellung des Fremden oder historischer Themen wie dem Nationalsozialismus. Dafür zu sensibilisieren ist etwas, das mir sehr wichtig ist und was wir mit unserer Arbeit auch verfolgen können.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Philippe Patra. Weitere Informationen zur Internationalen Jugendbibliothek finden Sie hier.


Philippe Patra // © privat

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Philippe Patra studierte Web-Journalismus, Theologie und Content Management in Münster und Leipzig, ist freier Online-Journalist, Multimedia-Storyteller und Texter. Er arbeitete unter anderem für Misereor, Unicef und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Als Nordlicht im Exil tendiert sein roter Faden ins Blaue, flattert bei West bis Nordwest wahlweise mit 48 Kilohertz, 25 Bildern pro Sekunde oder auch in fünf Akten und mag sich das Staunen einfach nicht abgewöhnen.

Er bloggt an dieser Stelle regelmäßig zu Themen rund ums Storytelling in den Kategorien „Best Cases“ und „Interviews“.