Die Abenteuergeschichten zuerst

Erklärungen langweilen bloß oder wie Storytelling bei der Wissensvermittlung helfen kann

Schachtel 1

Wenn Jugendliche im Internet unterwegs sind, dreht sich alles um angesagte YouTube-Stars, virale Videoclips oder den neusten Song eines hippen Teenie-Idols? Falsch! Den Digital Natives fällt im Netz mehr ein, als nur auf der Spaß-Welle zu surfen. Unterhaltung ist nur ein Aspekt neben anderen. Auch Bildungsangebote sind gefragt. Vor allem, wenn sie keine Scheu vor Vereinfachungen haben und sich ein paar Gedanken um die Form ihrer Vermittlung machen, denn, wer etwas erklären will, sollte auch etwas zu erzählen haben.

Ein Sammelsurium als Experimentierkasten

Zu Beginn eine kleine Versuchsanordnung. Es geht los mit einer Holzschachtel. In der Schachtel: Ein Stück Papier, drei Knöpfe, ein Schlüssel, ein Schlüsselanhänger (nicht mit dem Schlüssel verbunden), ein Wachsmalstift, eine Murmel, ein Reagenzglas, ein Armband, eine Spielzeug-Lok, zwei Stecknadeln und eine kleine Notiz. Die Ausgangslage ist zugegebenermaßen so rätselhaft, wie der Plattenkondensator auf dem Pult des Physiklehrers zunächst ein Mysterium war, damals in der ersten Stunde Fachunterricht. Doch so wie sich die Funktion der rätselhaften Maschine schließlich klären sollte, wird auch die Box bald ihr Geheimnis preisgeben. Also, alles vor Augen? Gut, der Anfang wäre gemacht. Weiter im Text und zur JIM-Studie 2017 – keine Sorge, wir kommen gleich noch einmal zurück zur Schachtel.

Das Smartphone als Taschenenzyklopädie

Doch zuvor ein kurzer Blick in besagte Studie. Die Untersuchung erlaubt Aussagen zum Medienverhalten 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Sie klärt uns unter anderem darüber auf, dass die Digital Natives mittlerweile weit über drei Stunden am Tag online sind; am liebsten via Smartphone. Dabei spielt Kommunikation eine entscheidende Rolle (und zwar noch vor der Unterhaltung). Aber auch das: Fast eine Dreiviertelstunde verbringt diese Altersgruppe täglich im Netz, um für die Schule zu arbeiten. Pauken online. Sie erschließen sich Themen über Erklärvideos, Tutorials oder entsprechende Contentportale. Berücksichtigt man zudem die außerschulischen Recherchekontexte, erhöht sich die Reichweite noch einmal. Es gibt mittlerweile unzählige sehr erfolgreiche Online-Angebote, die sich darauf spezialisiert haben, komplexe Sachverhalte möglichst anschaulich zu vermitteln. Das Bildungsfernsehen 2.0 läuft auf Kanälen wie ‚The Simple Club‘, Veritasium, explain.it oder musstewissen. Die Themen reichen von DIY-Tipps bis zur Relativitätstheorie. Wissensvermittlung ist ein relevanter Faktor bei der Mediennutzung Jugendlicher und folglich auch ein Aspekt, den Contentstrategen bei der Entwicklung von Formaten für diese Zielgruppe auf der Agenda haben sollten. Damit stellt sich die Frage, wie sich entsprechende Inhalte am besten vermitteln lassen?

Von losen Teilen zur ersten Liebe

Schachtel 2Das bringt uns zurück zur Schachtel. Was war doch gleich noch in ihrem Inneren versteckt (jetzt nicht schummeln!)? Die wenigsten werden nach nur einem kurzen Blick eine vollständige Liste erstellen können. Eine scheinbar zusammenhanglose Summe beliebiger Gegenstände lässt sich nur schlecht behalten. Erst recht, wenn ihre Zahl die 7 deutlich überschreitet. Wie nun aber, wenn wir die Teile mit Bedeutung ausstatten und in einen Zusammenhang stellen? Wie wäre es damit: Walter Priesemut sucht seine erste Liebe. Die Box birgt alles, was ihn an Lisbeth erinnert. Er hatte das Mädchen beim Murmelspielen zum ersten Mal gesehen. Nein, sofort in sie verguckt hatte er sich. In der Grundschule ließ er ihr einen Zettel zukommen. Sie konnte nur JA ankreuzen (er wollte sie nicht auf dumme Gedanken bringen). Sie machte ein dickes Kreuz mit ihrem Wachsmalstift und nicht nur das: Mit dem Papier kam ein Schlüssel zurück. Er war von ihrem Kästchen mit den verborgenen Schätzen einer Kindheit. Ein Zeichen ihres Vertrauens. Er durfte sich etwas aussuchen, hätte gerne das Armband genommen (sie hatte es schon einmal getragen) doch wollte es ihr lassen und begnügte sich mit ein paar schmucklosen Knöpfen. Im Gegenzug überließ er ihr die Lieblings-Lok seiner Spielzeugeisenbahn.

Es kam, wie es kommen musste. Sie zog in eine andere Stadt. Gegen das Vermissen markierte er ihre beiden Orte mit bunten Stecknadeln auf einer Karte. Aber es half nichts. Sie verloren sich aus den Augen. Jahre später stieß er auf die Schachtel und erinnerte sich. Er schrieb an die alte Adresse, ohne wirkliche Hoffnung auf eine Antwort. Legte noch einen Schlüsselanhänger dazu (damit sie sich den dazugehörigen Schlüssel bei ihm abhole). Lange passierte nichts. Dann kam ein kleines Päckchen, darin lagen: ein Armband, eine kleine Lokomotive und ein Zettel mit Datum und Uhrzeit. Und das Reagenzglas? Das sollte Walter als Vase für die Rose dienen, mit der er Lisbeth übermorgen am Bahnhof empfangen würde.

Mit Tschechows Gewehr über die Eselsbrücke

Geschichten strukturieren Informationen nach einem bestimmten Schema und laden sie mit Bedeutung auf. Hat ein Element keine Bedeutung, ist es überflüssig. Oder mit den Worten des russischen Schriftstellers Anton Tschechow: „Man sollte niemals ein geladenes Gewehr auf die Bühne stellen, wenn daraus nicht geschossen werden soll“. Dieses Prinzip hilft auch bei der Wissensvermittlung, denn dramaturgischer Aufbau und plausible Bedeutungszusammenhänge stimulieren das Gedächtnis. Die Buchstabenkombination ‚ehtcbrisnae‘ werden Sie sich nicht ohne weiteres merken können. Den Namen ‚Taschenbier‘ dagegen schon, auch wenn es dieselben Buchstaben sind. Die Position eines Teilchens innerhalb seines weiteren Kontextes kann über seine Bedeutung entscheiden. Wer wüsste das besser, als das nach einem Wochentag benannte Sams von Paul Maar.

Der rote Faden der Aufmerksamkeit

Doch Storytelling erleichtert nicht nur das erneute Abrufen von Informationen. Es erhöht auch die Motivation, einem Beitrag bis zu seinem Ende zu folgen. Narrative Zusammenhänge wie Spannungsbogen oder einfacher Plot wecken die Aufmerksamkeit und helfen so, Lernziele leichter zu erreichen. Daraus folgt zum Beispiel, das auch ein simples Erklärvideo über eine Story-Outline verfügen sollte. Viele Filme setzen auf eine sehr plastische Bildsprache mittels Zeichen- oder Legetrick, um ihren Inhalt möglichst anschaulich und nachvollziehbar rüberzubringen. Hierin besteht eine Stärke dieses Formats. Allerdings verpufft alle visuelle Finesse, wenn sie ihre Botschaft als zäsurlose Ereigniskette abspult. Naturwissenschaften können spannend sein. Die chronologische Nacherzählung naturwissenschaftlicher Kausalzusammenhänge ist es sicher nicht.

Hilfreich ist es auch, statt gleich mit der Lösung ins Haus zu fallen, erst einmal die eigentliche Frage und die von ihr ausgehende Faszination zu formulieren. Wiederkehrende und sympathische Moderatoren können als Bindungsangebot fungieren (dabei geht Humor vor Fachkompetenz, denn es schadet keineswegs, wenn Zuschauer und Moderator nebeneinander auf den Aha-Moment zugehen, statt dass letzterer immer schon im Ziel wartet). Und schließlich: Ein Versuch als formaler Rahmen ist nicht nur einfach sondern auch praktisch, weil er seinen Plot gleich mitbringt, denn ihm ist die klassische Drei-Akt-Struktur einer Erzählung quasi eingeschrieben. Wie vorteilhaft eine solche Struktur ist, zeigt ein Beispiel des Magazins Nature. In dem Film „The tale of the Edith’s checkerspot“ erklärt es auf sehr originelle Weise die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie, zwar nicht als Versuchsanordnung, aber in drei Akten. Eine Erklärung fast wie eine Abenteuergeschichte und was gibt es besseres, als wenn Wissensvermittlung und Unterhaltung zusammenfallen. „Zuerst die Abenteuer, Erklärungen dauern immer so furchtbar lange“, sagte der Greif in Lewis Carrolls ‚Alice im Wunderland‘. Ihm hätte die Geschichte der Schmetterlinge vermutlich gefallen. Zumal sie im Gedächtnis bleibt, obwohl eigentlich nur lauter Hände zu sehen sind. Apropos Gedächtnis: Wissen Sie noch, was alles in Walters Schachtel lag?

Weiterführende Links:

Nature Erklärfilm „The tale of the Edith’s checkerspot“

Weitere Wissenskanäle:

 


Philippe Patra // © privat

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Philippe Patra studierte Web-Journalismus, Theologie und Content Management in Münster und Leipzig, ist freier Online-Journalist, Multimedia-Storyteller und Texter. Er arbeitete unter anderem für Misereor, Unicef und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Als Nordlicht im Exil tendiert sein roter Faden ins Blaue, flattert bei West bis Nordwest wahlweise mit 48 Kilohertz, 25 Bildern pro Sekunde oder auch in fünf Akten und mag sich das Staunen einfach nicht abgewöhnen.

Er bloggt an dieser Stelle regelmäßig zu Themen rund ums Storytelling in den Kategorien „Best Cases“ und „Interviews“.