True Story

oder Das Leben schreibt immer noch die besten Geschichten

True Stories

„Wir lassen uns scheiden, weil wir uns lieben und beide erkannt haben, dass wir nicht genug von dem haben, was der andere braucht. Als wir die Entscheidung getroffen hatten, habe ich alle Dinge, die ich an ihr liebe, auf einen Zettel geschrieben und ihr gegeben. Sie wurde emotional und begann zu weinen. Drei Tage später schrieb sie mir einen ähnlichen Zettel. Aber jetzt kommt’s – sie schrieb es auf die Rückseite eines benutzten Stücks Papier. Sie schrieb es auf eine Werbeanzeige oder so etwas. Ich habe sie darauf angesprochen und sie sagte: ‚Ich wusste, du würdest darauf zu sprechen kommen. Wenn es dir wichtig gewesen wäre, würde es dich nicht kümmern, worauf es geschrieben stand.‘ Und ich sagte: ‚Nun, wenn es dir wichtig gewesen wäre, hättest Du ein neues Blatt Papier genommen.‘“

Geschichten im Vorübergehen

In dieser kleinen Miniatur spiegelt sich eine ganze Beziehung wunderbar wieder. Eingefangen und dokumentiert hat sie Brandon Stanton. Was 2010 von ihm ursprünglich als reines Fotoprojekt gedacht war, ist mittlerweile ein unzählige kleine Geschichten umfassender und sehr erfolgreicher Blog geworden. Seiner Website „Humans of New York“ folgen in den Sozialen Medien über 20 Millionen Menschen. Die Bekenntnisse von einfachen Passanten, die er auf der Straße trifft und anspricht, sind ganz unterschiedlich, immer persönlich und meistens bewegend. Auch Kinder kommen zu Wort:

„Ich werde mal ein Anwalt wie Papa. Ich rede eine Menge, also werde ich gut darin sein. Alles was du machen musst, ist so lange zu reden, bis du gewinnst.“

Die Porträtierten stammen dabei nicht nur aus New York sondern aus über zwanzig verschiedenen Ländern. Auch Flüchtlingen in Europa hat er schon eine Stimme gegeben. Die Idee, Passanten zu fotografieren, lehnt sich an die Tradition der Straßenfotografie an und die ist fast so alt wie die moderner Fotografie selbst. Auch New York ist nicht gerade ein besonders originelles Pflaster für dieses Genre. Warum ist Stanton so erfolgreich?

It’s a true Story

Vermutlich ist Stanton ein besserer Menschenflüsterer als Fotograf. Er besitzt das Talent, wildfremde Menschen zum Reden zu bringen (Geduld und Beharrlichkeit sind allerdings ein nicht zu unterschätzender Bestandteil dieses Könnens, denn Stanton sagt selbst, dass er in den Anfängen seines Projektes mehrheitlich Absagen bekommen hat). Die zum Teil umfangreichen Statements sind von einer bemerkenswerten Aufrichtigkeit. Diese Offenheit wirkt intensiv und kann Quell einer besonderen Originalität werden. Der Fotograf berichtet dazu nicht über die Abgebildeten, sondern er lässt sie selber sprechen. Dadurch verstärkt sich die Unmittelbarkeit des Eindrucks, die dem Porträtieren von Passanten ohnehin schon innewohnt. In einer datengetriebenen Welt steigt der Bedarf an authentischen Inhalten. Sie sind wie kleine lichte Fenster in einer dunklen Fassade und geben den Blick frei auf den unbekannten Anderen. Das nicht-fiktionale Storytelling hat einen ganz eigenen Puls. Es bietet Chancen einer direkten emotionalen Ansprache und kann die Identifikation erleichtern. Inmitten des großen Stroms einer gesichtslosen Masse haben wir plötzlich das Gefühl, jemanden zu erkennen – und das tut gut. Wir spiegeln uns in den Erfahrungen der Anderen. Vermutlich liegt hierin auch der Mehrwert der populär gewordenen Signature Stories. Nach dem Motto: Erzähl mir nicht davon, was du tust, sondern warum du es tust.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Die Lust am Authentischen ist nicht neu. Schließlich führt jede zweite Hollywood-Produktion, die sich als episch verstehen möchte, das mit einer sonoren Stimme vorgetragene ‚based on a true story‘ im Trailer vor und die Wirklichkeit ist immer noch der einzige Steinbruch auch für das phantasievollste Storytelling. Doch einmal mehr haben die neuen Medien die kommunikativen Möglichkeiten ins Quadrat gesetzt. Wir erfahren von den Sorgen und Sehnsüchten der Menschen auf der anderen Seite der Welt, wie in den bemerkenswerten Interviews des Projektes ‚7 Milliarden Andere‘ von Yann Arthus-Bertrand, von den dramatischen Geschichten hinter jeder Flucht oder von den Erschütterungen, die der plötzliche Tod des Lebenspartners auslösen kann, wie in dem Instagram-Account von Anjali Pinto. Pintos Mann ist durch einen Riss in der Hauptschlagader Silvester 2016 gestorben. Die professionelle Fotografin verarbeitet seinen überraschenden Tod unter anderem mit dem Posten von Bildern von ihrem Mann und gemeinsamen Erlebnissen, stets begleitet von Gedanken über den Verlust.

Warum Erzählen Sinn macht

Erzählungen haben eine sinnstiftende Kraft. Vielleicht ist es ja auch das, was Pinto antreibt. Die Nacherzählung der gemeinsamen Jahre feiert die Schönheit eines gelebten Lebens und verleiht ihm eine Geschlossenheit, die der frühe Tod in Zweifel zog. Wie sagt die polnische Lyrikerin Wislawa Szymborska doch treffend in ihrem Gedicht ‚Vom Tod ohne Übertreibung‘: „Der Tod kommt immer um diesen einen Augenblick zu spät … Er kann, was jemand erreicht hat, nicht rückgängig machen.“

Geschichten kommen einem menschlichen Urbedürfnis nach Zusammenhang entgegen. Von Kindesbeinen an lernen wir, Muster und Bezüge zu erkennen – vom Wolkendeuten bis zur Interaktion. Die Kohärenz einer Geschichte hilft uns, eine eigene Identität aufzubauen. „Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu – man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt“, wie Max Frisch es formuliert.

Die Geschichten in den eigenen Erfahrungen aufzudecken hilft auch das Projekt ‚StoryCorps‘ von Dave Isay. Es ähnelt dem Ansatz von Yann Arthus-Bertrand. StoryCorps lädt Menschen ein, einander zuzuhören und im Gespräch neu zu begegnen. Mittlerweile ist es mit mehr als 65.000 Interviews zu einem der größten digitalen Ton-Archive Amerikas geworden und auch als App verfügbar. Isay ist der festen Überzeugung, dass jeder Mensch eine Geschichte hat, die es wert ist erzählt zu werden – und wenn es nur die einer Scheidung zweier Menschen ist, die sich doch eigentlich lieben.

Das wahre Leben als Linkliste: