Die Mittel der Wahl

Stilmittel als Salz in der Suppe einer guten Geschichte

Stilmittel

Stilmittel sind das Salz in der Suppe einer guten Geschichte. Mitunter ist aber eine andere zentrale Zutat schon so gut, dass die Gewürze gar nicht mehr ins Gewicht fallen. Wie formale Kniffe helfen können, einen Unterschied zu machen (und warum sie manchmal gar nicht so wichtig sind).

Über Geschmack lässt sich streiten, über Stil nicht. Das liegt vor allem daran, dass guter Stil weniger mit individuellen Vorlieben zu tun hat, als mit handwerklicher Zweckmäßigkeit. Entweder das Dach ist dicht, oder es regnet rein. Entweder die Metapher sitzt, oder der Satz zwickt. Ob der Einsatz eines bestimmten Stilmittels richtig oder falsch ist, hängt dabei nicht zuletzt davon ab, ob Erzählabsicht und Ausdrucksform zueinander passen. Anderenfalls bliebe eine Lücke (und da hätte dann wieder der Regen leichtes Spiel).

Satz für Satz ins Bilderreich

„Ganz Degerloch unter frischem Schnee und kein Fahrzeug, das sich bewegte, und kein Mensch auf der Straße, nur das lautlose Fallen der Flocken. Wie je und je Flocken in Anmut fielen, fallen sie auf das schwarze Rechteck in der Böhmstraße, wo vor kurzem ein Auto weggefahren sein muß, und beschneien es weiß. Da geht wie von Zauberhand die Haustür auf, und heraus tritt ein Kind im schwarzen Umhang, verkleidet als Dracula und kleiner Todespopanz. Gräflich schreitet es einher, das Knirschen der Schuhe im Schnee sind die einzigen Laute, und seine Fußstapfen die einzige Spur, die sich dem Schnee eindrückt, von hoher Warte aus so gut zu sehen, daß man jeden Stapfen zählen könnte; das Herz will mir schier zerspringen über dieser Spur, denn sie gehört zu mir, der ich viermal um den Block gehe zu einem Kinderfasching mit mir als einzigem Gast.“
Der Blick von oben, da fällt es „je und je“, die verklungene Bewegung im schwarzen Rechteck des abgefahrenen Wagens und das „gräfliche“ Schreiten eines verkleideten Kindes; die Sprache von Sibylle Lewitscharoff ist wie ein bildgebendes Verfahren. Da ist eine Seite Text und aus ihr schält sich das Leben heraus, wie ein Antlitz, das auf belichtetem Fotopapier im Wasserbad an Konturen gewinnt. In seinem „Sprachverführer“ lobt Thomas Steinfeld Lewitscharoff für ihr allegorisches Talent. Sie schaffe es in einzigartiger Weise über sprachliche Bilder eine besondere Lebendigkeit zu erzeugen. Häufig greift sie hierfür auf Metaphern zurück.

Die Metapher ist eines der stärksten rhetorischen Mittel. Sie kann komplexe Themen verständlich rüber bringen und bleibt überdies besonders gut im Gedächtnis – ob man will oder nicht. Da sitzen sie dann, die sprechenden Bilder und sind nur schwer wieder zu verscheuchen; vom Tiger im Tank bis zu den gelben Engeln oder dem Versprechen: Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, aber dank einer Stilfigur braucht es manchmal nur wenige Worte für ein Bild. Vermutlich machen wir deshalb so oft von ihr Gebrauch. Mit ihrer häufigen Verwendung verliert sich allerdings auch ihre Wirkung. Sie wird allzu selbstverständlich und endet als tote Metapher. In Folge wird das Bild, das sie vermittelt als solches nahezu unsichtbar. Wer würde heute noch mit dem Fuß eines Berges über ein Stuhlbein stolpern oder den Flaschenhals nach einer besonders schönen Ohrmuschel am Meeressaum umdrehen?

Zeit ist Held

Jede Medienform hat ihre eigenen stilistischen Ausdrucksmittel. Für den digitalen Bereich lohnt es sich einmal in die filmische Werkzeugkiste zu schauen. Schließlich sind Videos ein sehr relevantes Format. Viele Nutzer bevorzugen Bewegtbild-Inhalte. Filme erhöhen zudem die Verweildauer und werden gerne geteilt. Das Repertoire möglicher Mittel ist natürlich auch hier nahezu unerschöpflich. Es bezieht sich allein auf der Bildebene etwa auf Fragen nach Einstellungsgrößen, Kamerabewegungen oder der Montage. So prominent wie die Metapher im Sprachgebrauch, ist die Manipulation der Zeitebene beim Film. Wo die Metapher verdichtet, indem sie ins Bild setzt, hebt etwa die Zeitlupe inmitten des Bilderflusses die entscheidende Szene überdimensional hervor. Filmgeschichte geschrieben haben etwa ein die Bahnhofstreppe hinunterpolternder Kinderwagen in The Untouchables von Brian De Palma oder die Unfallszene mit Michel Piccoli in Die Dinge des Lebens von Claude Sautet.

Doch auch die Raffung der Zeit durch schnelle Schnitte verfehlt nicht ihre Wirkung, wie der nur einminütige Clip „Move“ von Rick Mereki auf sympathische Weise vorführt. Besser und kürzer lässt sich eine Reise um die Welt von drei Freunden wohl nicht auf den Punkt bringen.

Um eine Reise geht es auch in dem Kurzfilm „Sand in the sky“ von Gnarly Bay. Der Film arbeitet mit Zeitlupe, spielt mit Tiefenschärfe und Licht. Im Gedächtnis bleiben wird aber vor allem sein großartiger Protagonist: Ollie. Ollie ist 20 Monate alt und berichtet sehr souverän und entspannt von seiner Zeit auf Hawaii. Bei so starken Charakteren sind alle Stilfragen nur noch zweitrangig.

Weiterführendes:


Philippe Patra // © privat

© privat

Philippe Patra studierte Web-Journalismus, Theologie und Content Management in Münster und Leipzig, ist freier Online-Journalist, Multimedia-Storyteller und Texter. Er arbeitete unter anderem für Misereor, Unicef und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Als Nordlicht im Exil tendiert sein roter Faden ins Blaue, flattert bei West bis Nordwest wahlweise mit 48 Kilohertz, 25 Bildern pro Sekunde oder auch in fünf Akten und mag sich das Staunen einfach nicht abgewöhnen.

Er bloggt an dieser Stelle regelmäßig zu Themen rund ums Storytelling in den Kategorien „Best Cases“ und „Interviews“.