Das lässt sich hören

Darum sollten Sie in diesem Jahr einmal über Podcasts nachdenken

By 15. Februar 2018 Best Cases No Comments
Podcast

Alice macht den Anfang. Alice, wer ist Alice? Sie wurde vermisst, gar für tot gehalten. Aber sie ist nicht tot. Alice Isn’t Dead – so lautet der Titel eines erfolgreichen Audio-Podcasts, in dem eine Frau in ihrem Truck durch Amerika fährt, auf der Suche nach Alice und auf der Flucht vor einem Killer mit monsterhaften Zügen. Die kurzen Episoden sind erschreckend und faszinierend zugleich. Wer einmal in ihren Truck gestiegen ist und sich mit der Heldin auf den surrealen Roadtrip begeben hat, kommt nur schwer wieder heraus. Fiktionale Podcasts wie dieser sind immer noch die Ausnahme. Podcast? Das war doch so etwas wie die Tonschiene des frühen Internets, deren Kanäle sich über sogenannte RSS-Feeds abonnieren ließen. Mehr was für Liebhaber und Technikenthusiasten. Gibt’s die noch?

Das nächst große Ding?

Podcasting gibt es nicht nur immer noch. Ihm wird sogar eine sehr rosige Zukunft vorausgesagt. Lange Zeit fristeten entsprechende Audio-Angebote eher ein Nischendasein. Auch aktuell liegt ihre Nutzung noch deutlich unter der von anderen Medien-Formaten. Sind die Wachstumsverheißungen also lediglich alter Wein in neuen Schläuchen, weil Podcasts gerade ganz vorne in der Schublade lagen als irgendein Trendsetter auf der Suche nach dem nächsten großen Ding ins Kästchen gegriffen hat? Denn dass eine Sache enormes Wachstumspotential habe, heißt ja zunächst einmal nichts anderes, als dass sie gegenwärtig auf noch nicht allzu großes Interesse stößt.

Ein spontaner Blick nach links und recht lässt allerdings tatsächlich aufmerken. Immer mehr Menschen halten sich ihr Smartphone neuerdings vor den Mund als wäre es eine Scheibe Knäckebrot. Sie sprechen Nachrichten in ihre Messenger, weil das schlicht einfacher ist, als die Kurzbotschaft zu tippen. Im Bekanntenkreis scheint es ebenfalls zunehmend mehr Fans für Hörbücher zu geben. Diese ließen sich so gut beim Joggen oder Autofahren konsumieren. So könne man trotzdem am Lesen bleiben, obwohl einem der Alltag keine Zeit mehr für die ausdauernde Lektüre dicker Bücher lasse.

Aufbruch in neue Audiowelten

Doch nicht nur die „gefühlte“ Analyse zeigt, dass sich in den vergangenen Jahren beim Nutzungsverhalten offenbar etwas getan hat, das für eine größere Offenheit gegenüber Audio-Inhalten spricht. Auch repräsentative Studien, wie die ARD/ZDF-Onlinestudie, sehen „Audiowelten im Wachstum“. Zwar liegt der Anteil der gelegentlichen Podcast-Nutzung im Internet mit 13 % immer noch deutlich unter der Nutzung von Bewegtbildinhalten (72 %), doch hat sich die Zahl gegenüber 2012 immerhin mehr als verdreifacht. Außerdem hört mittlerweile nahezu fast ein Drittel der 14–29-Jährigen entsprechende Angebote.

Für einen noch leichteren Zugang zu Audio-Angeboten spricht ferner die technische Entwicklung. Schnurlose Kopfhörer sind da noch das kleinere technische Detail. Immer mehr große Hersteller bieten immer bessere Sprachassistenten an und pushen deren Markteinführung. Gleich ob Siri, Alexa, Bixby oder Cortana – die Sprachunterstützung wird immer nahtloser und selbstverständlicher in technische Geräte integriert. Damit wird aber nicht nur die Steuerung dieser Geräte vereinfacht, sondern auch die Nutzung von Audio-Podcasts. Das Spektrum der möglichen Inhalte ist nahezu grenzenlos und reicht vom Wetterbericht, über Nachrichtensendungen und Kommentaren bis hin zu fiktionalen Unterhaltungsformaten.

Natürlich gibt es all solche Inhalte längst. Das Medium dazu heißt Radio. Und doch dürften veränderte Nutzungsgewohnheiten und technische Entwicklung auch in diesem Bereich zu großen Veränderungen führen. Die Zahl der möglichen Anbieter, die Pod- oder Netcasting als einen attraktiven Kanal für ihren Content entdecken, wird vermutlich weiter zunehmen. Es spricht also wirklich einiges dafür, dass es sich lohnt, einmal über den guten alten neuen Bekannten ‚Podcasting‘ nachzudenken. Doch einmal abgesehen von den offenbar günstigen Rahmenbedingungen: Welche besonderen Vorteile bietet diese Medienform eigentlich selbst?

Mittendrin ganz nebenbei

Ist der Konsum von Audio-Podcasts durch die gestiegene Zahl von internetfähigen Endgeräten zunehmend einfacher geworden, so war es die Produktion genaugenommen schon immer. Alles, was es braucht, ist ein Aufnahmegerät und ein einfaches Schnittprogramm. Das ist gewissermaßen Vor- und Nachteil zugleich, denn niedrige Produktionshürden führen meist zu einer Angebotsflut, die es dann wiederum aus Nutzersicht erst einmal zu erschließen gilt. Außerdem ist die einfache Erstellung auch nur die halbe Wahrheit, denn besonders erfolgreiche Projekte wie S-Town oder Homecoming sind durchaus sehr aufwendig produziert. Schließlich haben Audio-Inhalte, die ihre Möglichkeiten ausschöpfen, sehr viel mehr Facetten, als nur den Erzähltext (z. B. Atmo, Musik, O-Töne, Sounddesign, Sprecherwechsel).

„Audio ist der Text der mobilen Generation“, sagt Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post, die selbst ein Nachrichten-Podcast im Angebot hat. Damit formuliert Bröcker zweifelsohne den entscheidenden Mehrwert von Podcasts: ihre Beiläufigkeit. Audio-Formate sind das Nebenbei-Medium schlechthin und passen damit so besonders gut in unsere Zeit. Eine Zeit der Selbstoptimierung, des effizienten Zeitmanagements, des Multitaskings – und des Pendelns (60 % aller Erwerbstätigen sind Pendler!). Podcasts sind also gewissermaßen das Two-in-One-Entertainment für eine Zeit ohne Zeit. Auch wenn „Nebenbei-Medium“ so gar nicht danach klingt: Vielleicht spiegelt sich in einer wachsenden Nachfrage auch das Bedürfnis nach einer intensiveren Auseinandersetzung mit einem Thema wieder, denn schließlich sind Sendelängen von 20 Minuten und mehr keine Seltenheit. Sollten die Tagesnischen die letzten Refugien für ein wenig Vertiefung und ungeteilte Aufmerksamkeit sein?

Schließlich sind Audio-Geschichten auf besondere Weise phantasiebegabt. Sie geben sie dem Hörer mehr Eindrücke mit als etwa ein gedruckter Text. Das eröffnet zusätzliche stilistische Möglichkeiten. Gleichzeitig bleibt der Hörer aber in seiner Imagination freier als beispielsweise beim Film. Er ist wie beim Buch als aktiver Gestalter der Geschichte mit eingebunden. Doch Vorsicht! Das kann auch schon mal sehr beklemmend werden, denn das innere Auge lässt sich nicht schließen. So findet man sich unter Umständen unversehens in einem Truck wieder auf der Reise durch eine unwirkliches Land und auf der Suche nach einer Frau namens Alice.

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Philippe Patra // © privat

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Philippe Patra studierte Web-Journalismus, Theologie und Content Management in Münster und Leipzig, ist freier Online-Journalist, Multimedia-Storyteller und Texter. Er arbeitete unter anderem für Misereor, Unicef und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Als Nordlicht im Exil tendiert sein roter Faden ins Blaue, flattert bei West bis Nordwest wahlweise mit 48 Kilohertz, 25 Bildern pro Sekunde oder auch in fünf Akten und mag sich das Staunen einfach nicht abgewöhnen.

Er bloggt an dieser Stelle regelmäßig zu Themen rund ums Storytelling in den Kategorien „Best Cases“ und „Interviews“.