Oh du Mühselige

Wie es zwei aktuellen Weihnachtsspots gelingt, die Herausforderungen eines Werbefilms im Advent gekonnt zu meistern.

By 15. Dezember 2017 Best Cases No Comments
Weihnachten 2017

Sie müssen zur Jahreszeit passen, ohne dabei allzu sentimental zu wirken, sie müssen das Déjà-vu vermeiden und sollen trotzdem den immer gleichen Brauch aufgreifen, sie sollen originell aber nicht schräg, auffallend aber nicht schrill sein – kurzum: Weihnachtsspots sind keine leichte Sache.

Die Herzlichkeit eines Holzfällers

Gelungene Beispiele sind daher auch eher selten zu finden. Noch vielen im Gedächtnis dürfte der Weihnachtsspot „#Heimkommen“ sein, mit dem Edeka 2015 für Aufsehen sorgte. Die Krönung des Trubels um den vorgeblichen Tod eines einsamen alten Mannes, war die Parodie der beiden Komiker Joko und Klaas. Auch im aktuellen Jahr kommt der Lebensmittelhändler wieder groß raus. Das gilt jedoch vor allem für den betriebenen filmischen Aufwand und die Dauer des Clips. Der Spot tendiert mit fast vier Minuten mehr zum Kurzfilm, denn zu einem klassischen Werbespot. Auch seine Geschichte nimmt sich episch aus und zielt wenig überraschend auf‘s Herz. In einer dystopischen Zukunft sucht ein Roboter nach der Bedeutung von Weihnachten und landet schließlich in einer Blockhütte mit Holzfällercharme im Wald. Tröstlich: Was Gaumenfreuden und Gemütlichkeit anbelangt, werden wir auch künftig keine Abstriche machen müssen.

Kleines Format – große Erwartung

Großes Gefühlskino bieten auch viele aktuelle Clips aus England. Hier sind die Weihnachtsspots (und die Diskussion darüber) fast so etwas wie eine Tradition in der Tradition. Die Filme zum Fest von John Lewis, Waitrose oder anderen werden mit Spannung erwartet und müssen sich immer wieder auf‘s Neue der Herausforderung stellen, als kleines Format große Erwartungen zu erfüllen. Und natürlich ist ein Moment der Rührung die Erwartung schlechthin, mit der sich alle vorweihnachtlichen Geschichten konfrontiert sehen. Dass die meisten erzählerischen Vorstöße sich auf diese Bedingung einlassen und um die Ergriffenheit ihres Publikums auch ohne jeden inhaltlichen Bezug zur eigentlichen Marke wetteifern, verringert nicht gerade die Kitschgefahr.

Vom „bigger than life“ zum „real life“

Ausgerechnet ein kleiner Spot löst ein, was viele mit ungleich mehr Mitteln oft vergeblich versuchen. Der Film „#FirstChristmas“ von Shape History erzählt die Geschichte einer Familie, die nach dem Verlust ihres Sohnes, zum ersten Mal zusammen Weihnachten feiert. Die Machart des Spots ist wenig spektakulär, doch der authentische Kern hinter den Bildern berührt und vermittelt einen wesentlichen Aspekt des Festes, der durch das Fehlen eines Familienmitglieds auf schmerzhafte Weise hervortritt. Gleichzeitig kann er aber auch als ein Angebot an Betroffene verstanden werden, wie solch intensiven Erfahrungen unkonventionell begegnet werden kann.

Auf die Parkplätze, fertig, los

Doch ein gelungener Weihnachtsspot muss nicht zwangsläufig  immer anrührend sein. Audi USA zeigt in seinem aktuellen Clip, wie ein Plot der Gefühlsfalle entkommen und sein Publikum trotzdem für sich einnehmen kann. Dabei stimmt sowohl der Bezug zum saisonalen Kontext als auch der zur Marke. Letzteres ist besonders bemerkenswert, weil ein allzu direkter Verweis auf das zu verkaufende Produkt im weihnachtlichen Umfeld unter Werbern kritisch gesehen wird. Dieser Gefahr begegnet die Geschichte von zwei Vätern auf der Jagd nach dem letzten freien Parkplatz auf elegante und ebenso unterhaltsame Weise. Sie ist sehr stimmig geschnitten und funktioniert unter anderem deshalb so gut, weil sie mit vielen Momenten aufwarten kann, die jeder schon einmal so oder ähnlich erlebt hat. Außerdem können sicher viele die Misere der beiden nur zu gut nachvollziehen, denn schließlich sind nicht nur Weihnachtsspots keine leichte Sache, auch die vermeintlich besinnliche Vorweihnachtszeit kann mit etlichen Mühseligkeiten aufwarten.

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Philippe Patra // © privat

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Philippe Patra studierte Web-Journalismus, Theologie und Content Management in Münster und Leipzig, ist freier Online-Journalist, Multimedia-Storyteller und Texter. Er arbeitete unter anderem für Misereor, Unicef und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Als Nordlicht im Exil tendiert sein roter Faden ins Blaue, flattert bei West bis Nordwest wahlweise mit 48 Kilohertz, 25 Bildern pro Sekunde oder auch in fünf Akten und mag sich das Staunen einfach nicht abgewöhnen.

Er bloggt an dieser Stelle regelmäßig zu Themen rund ums Storytelling in den Kategorien „Best Cases“ und „Interviews“.