Schatz, ich hab das Internet ausgedruckt

Nur weil Online die Zukunft ist, muss Print ja nicht gleich von gestern sein. 5 Gründe, warum Bücher aus Faser und Bund immer noch von Bedeutung sind.

Bücher

Guten Geschichten ist das Medium egal. Gleich ob Lagerfeuer, Theater, Hörspiele, Kinofilme, TV-Serien oder Bücher, sie funktionieren immer, vollkommen unabhängig vom medialen Gewand, in dem sie sich zeigen. Und doch hat ihre Form natürlich Folgen, schließlich entscheidet sie darüber, ob das Publikum aus Hörern, Lesern, Zuschauern oder (man klicke und staune) Surfern besteht. Jedes Format hat seine Vor- und Nachteile. Doch in Online-First-Zeiten, lohnt ein Blick auf die besonderen Stärken des Medien-Senioren ‚Buch‘ vielleicht umso mehr. Warum, das lässt sich gut anhand eines anderen medialen Silberrückens verdeutlichen.

Das unsichtbare Eis

Ein dubiose Trenchcoat schleicht um einen Jungen mit buntem Rollkragenpulli. Er zieht die Kreise enger, blickt links, blickt rechts, dann spricht er den Jungen an: „Hey, Du!“ – „Wer, ich?“ – „Psssst!“ – „Meinst Du mich?“ – „Genaaaau…“. Und, werden Kindheitserinnerungen wach? Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass der Trenchcoat mit schwarzem Hut eine grüne Stoffpuppe ist und der Rollkragen Ernie heisst. Es ist eine Szene aus der Sesamstraße. Der zwielichtige Straßenverkäufer Schlemihl versucht Ernie ein unsichtbares Eis zu verkaufen. So weit so gut. Doch was hat das nun mit Büchern zu tun?

Vom Sinn der Sinnlichkeit

Das unsichtbares Eis ist ein sehr sprechendes Bild, wenn es um den Verlust von Sinnlichkeit geht. Der bibliophile Leser weiß, wovon die Rede ist. Bücher bieten nicht nur Geschichten. Sie können selbst ein sinnliches Erlebnis sein. Haptik, Grammatur, Typographie, Gestaltung, ja selbst der Geruch sind Teil dieses Erlebens – und natürlich das Blättern (obacht, die Signallampe für romantischen Überschwang blinkt gerade auf). Sich durch eine Geschichte zu blättern, stiftet eine besondere Form der Orientierung im Text. Dass sich in diesem Text mit handschriftlichen Markierungen und Kommentaren auch höchst individuell und damit besonders erinnerbar herum werken lässt, mag manchen Buchliebhaber dagegen eher abschrecken.

Möglichen romantischen Verklärungen zum Trotz, ist diese physische Präsenz eines Buches nicht banal. Das Gewicht eines Gegenstandes ist nicht nur das, was man wiegen kann. Sein simples aber sinnlich nachdrückliches Vorhandensein (jetzt wird’s philosophisch) ist auch eine Stärke. Wann immer der Blick über den Tabletrand geht, wagt er sich auf ein Terrain, in dem haptisch-räumliche Lebensbezüge den Vorrang haben. Und gleich ob im Café, an der Ladentheke oder unterwegs – an unvermittelten Bezügen (oder alltäglichen „Touchpoints“, wenn man so will) wird es uns nie mangeln. Anders gesagt: Auch wenn wir irgendwann 24 Stunden am Tag online sein sollten, sitzen wir dabei immer noch nicht selbst im Web. Der Mehrwert, den die sehr handfeste Gegenwart von Printmedien vermittelt, ist vermutlich auch der Grund, warum es noch aufwendig gestaltete Bildbände gibt oder warum Menschen sich immer noch Fotoalben drucken lassen. Bücher funktionieren überdies sogar generationsübergreifend (versuchen Sie das mal mit einem Snapchat-Clip ;). Papier hat einen langen Atem. In einer kurz getakteten Gegenwart machen gerade dieses Beharrungsvermögen und ihre Geduld Bücher damit manchmal zu einer Oase der Ruhe.

Bücher als Zen-Meister

Mit ihren besinnlichen Qualitäten entsprechen Bücher einem Bedürfnis nach Entschleunigung. Das belegt auch eine aktuelle Studie des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Auch wenn die Mediennutzung immer digitaler wird, so gibt es doch die Sehnsucht nach jenen exklusiven Lesemomenten, wie sie nur Print bieten kann. Bücher sind also gewissermaßen die Zen-Meister unter den Medien. Die Umgebung, die sie bereitstellen ist sehr viel ablenkungsfreier, als ein digitaler Kontext. Für anspruchsvolle Inhalte oder die Auseinandersetzung mit komplexen Lernstoffen können sie deshalb besser geeignet sein. Für viele Studenten ist ein gedrucktes Buch daher immer noch das favorisierte Medium. Das sagt zumindest Naomi S. Baron, Professorin für Linguistik an der American University in Washington, DC, die Studenten nach ihrer bevorzugten Lesesituation befragt hat.

Print findet immer noch viele Leser

Aber nicht nur bei einer hohen Informationsdichte spielen die haptischen Medien noch eine Rolle. Auch für die vermeintlich einfacheren aber sehr grundsätzlichen Fragestellungen sind sie gut geeignet. Laut der Kinder-Medien-Studie 2017 haben aktuell immerhin fast ¾ aller deutschen Kinder zwischen vier und 13 Jahren mehrmals pro Woche noch ein Buch in der Hand (gelegentlich auch im Mund).

Mögen Digital Natives also zu Recht die Unerschöpflichkeit ihres unsichtbaren Eises loben und verächtlich auf den zerblätterten Lesegenuss eines Bücherwurms schauen. Manchmal ist das sichtbare Eis einfach die bessere Wahl. Das bezahlt man zwar nicht mit unsichtbaren Groschen (wie Ernie es in der Sesamstraße spitzbübisch tut) – aber das muss ja nicht unbedingt ein Nachteil sein.

Waren das jetzt wirklich fünf Gründe? Einerlei, die Unterzeile war ja eh nur dafür da, um in dieser so ablenkungsreichen Umgebung wenigstens etwas Aufmerksamkeit zu bekommen 😉


Philippe Patra // © privat

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Philippe Patra studierte Web-Journalismus, Theologie und Content Management in Münster und Leipzig, ist freier Online-Journalist, Multimedia-Storyteller und Texter. Er arbeitete unter anderem für Misereor, Unicef und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Als Nordlicht im Exil tendiert sein roter Faden ins Blaue, flattert bei West bis Nordwest wahlweise mit 48 Kilohertz, 25 Bildern pro Sekunde oder auch in fünf Akten und mag sich das Staunen einfach nicht abgewöhnen.

Er bloggt an dieser Stelle regelmäßig zu Themen rund ums Storytelling in den Kategorien „Best Cases“ und „Interviews“.