Ich war einmal

Warum Geschichten mehr sind als nur gute Unterhaltung

By 12. Februar 2019 Best Cases No Comments
Fahrbahnmarkierung

Der kleine, knapp dreijährige Steppke stand mitten auf einer zweispurigen Straße in Hamburg. Stand da und wunderte sich. Über die Dimensionen der Fahrbahnmarkierungen, die er zum ersten Mal von so nahem sah, die Breite der Straße, die Länge des Weges. Es kam ihm schon ein wenig komisch vor. Vielleicht hatte er noch die Warnung seiner Mutter im Ohr, er solle niemals auf die Straße laufen. Vor allem aber kam es ihm alles ungeheuer groß vor. Das Tollste und Größte was es gab, und er war dabei. So groß und absolut gigantisch.

Aber dann war der Spaß vorbei. Abgesehen von Asphalt und Bordstein gab es auch nicht wirklich etwas zu entdecken. Doch wie wegkommen? Er konnte Schritte machen, so viele er wollte und schien doch nicht vom Fleck zu kommen. Die Straße wollte einfach nicht enden. Die Beine wurden immer schwerer. Kein Ausweg in Sicht. Verzweiflung machte sich breit. Doch dann tauchte sie auf. Inmitten von Menschen mit Schlaghosen und Backenbärten. Die Rettung. Sie kam daher wunderschön und elegant. Gekleidet in dunkelblauem Kordstoff und in Gestalt einer Sportkarre, geschoben von seiner Mutter. Es war der 22. September 1974. Der Kleine ging mit seinen Eltern über die Köhlbrandbrücke, die in den ersten Tagen nach ihrer Eröffnung für Fußgänger freigegeben war. Das ist meine erste Erinnerung.

Als wenn es gestern gewesen wär

Wissen Sie noch, was Ihre erste Erinnerung war? Vielleicht eine Wunderkerze an Silvester, die Sie so doll geschüttelt haben, so wahnsinnig doll, wie Sie irgendwie konnten oder noch doller bis Sie nicht mehr konnten, und immer weiter, besinnungslos, und immer doller oder ein roter Heliumballon, den Sie versehentlich losgelassen haben und der daraufhin im tränenverschleierten Himmel verschwunden ist?

Schwelgen Sie mal für einen Augenblick in Erinnerungen. Und wenn Sie dann einen Zipfel gefunden haben und sich den Moment immer deutlicher ins Bewusstsein rufen, werden Sie eines feststellen: Es ist nie nur ein statisches Bild, das dann vor Ihnen auftaucht (so wie ein stummes Foto im Familienalbum). Da hängt immer noch mehr dran. Es ist immer eine dynamische Szene, eine lebendige Episode. Etwa so, wie bei einem Live-Photo. Es ist immer eine kleine Geschichte. Und die Geschichte ist es auch, die jene längst vergangenen Augenblicke so dynamisch bewahrt, als wären sie gerade erst passiert.

Erzählungen sind unser mentales Speichermedium, quasi eine Frischhaltebox für unser Leben. Das merken wir unter anderem auch daran, dass die frühesten Erinnerungen eng an unsere Sprachentwicklung gekoppelt sind. Erst wenn wir uns von der Welt um uns herum einen Begriff machen können, fangen auch die Erinnerungen an, auf die wir uns als Erwachsene später beziehen können. Deshalb beginnen sie meistens auch erst ab drei Jahren.

Von wahren und falschen Gedächtnisbildern

Nicht immer sind es dabei unsere eigenen Erinnerungen. Manchmal basieren sie auch auf den Erzählungen unserer Eltern, sie wurden uns also gewissermaßen eingepflanzt. Eingepflanzte Erinnerungen? Das klingt fast ein bisschen nach Blade Runner, doch sind diese „Implantate“ keine Science Fiction sondern Realität. Wenn das kein Beleg für die Kraft von Geschichten ist.

Allerdings lässt sich diesen synthetischen Erinnerungen relativ leicht auf die Schliche kommen. Dazu muss man lediglich auf die Perspektive schauen, in der sie sich vermitteln. Die Ich-Perspektive spricht für wirklich selbst Erlebtes, wohingegen bei Wahrnehmungen in der Dritten Person Misstrauen angebracht ist.

Der rote Faden der Erinnerung

Der szenische Charakter unserer Erinnerungen, hängt aber nicht nur mit der Sprache zusammen, sondern auch mit der Art und Weise, wie Erinnerungen abgespeichert werden. Sofern ein Erlebnis bedeutsam genug ist, um ins Langzeitgedächtnis zu wandern, wird es in Engrammen oder auch Gedächtnisspuren festgehalten. Diese Gedächtnisspuren verbinden die verschiedenen beteiligten Eindrücke. Denn es sind ja ganz unterschiedliche Wahrnehmungen, die mit einem Erlebnis verbunden sind. Da ist etwa der Geruch, da sind die visuellen Reize oder die Gefühle, die wir dabei hatten. Diese Eindrücke sind auch an unterschiedlichen Orten im Gehirn abgelegt. Die Gedächtnisspuren sind der rote Faden, der die unterschiedlichen Eindrücke zu einer zusammenhängenden Erinnerung verbindet. Wird ein Element getriggert, kommen auch die anderen damit verknüpften Bausteine zum Vorschein. Aus diesem Zusammenspiel erklärt sich die erwähnte Lebendigkeit der Erinnerungen. Um eine unvermittelte Reise in die Vergangenheit auszulösen, braucht es nicht viel. Ein Geruch oder auch ein Satz genügt manchmal, damit wir uns unversehens im Gestern wiederfinden.

Sollte Ihnen übrigens beim Lesen dieser Zeilen ein bestimmter Film von Sebastian Schipper in den Sinn kommen, so ist das ebenso wenig ein Zufall, wie die Tatsache, dass dieser Film auch etwas mit der Köhlbrandbrücke zu tun hat.

Hier geht’s zur Auflösung:

https://youtu.be/jQiqpX7EbqU


Philippe Patra // © privat

© privat

Philippe Patra studierte Web-Journalismus, Theologie und Content Management in Münster und Leipzig, ist freier Online-Journalist, Multimedia-Storyteller und Texter. Er arbeitete unter anderem für Misereor, Unicef und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Als Nordlicht im Exil tendiert sein roter Faden ins Blaue, flattert bei West bis Nordwest wahlweise mit 48 Kilohertz, 25 Bildern pro Sekunde oder auch in fünf Akten und mag sich das Staunen einfach nicht abgewöhnen.

Er bloggt an dieser Stelle zu Themen rund ums Storytelling in den Kategorien „Best Cases“ und „Interviews“.