Ein Gedicht von einer Story

Wie Poesie das Storytelling beflügeln kann

Buchseite aus „Lurchis gesammelte Abenteuer“

Ich sorge mich um eine Fliege
In diesem Raum, in dem ich liege.
Seit Stunden höre ich mir an, dass sie wie ich nicht schlafen kann.

Es muss ja nicht immer gleich ‚Die Bürgschaft‘ oder Hölderlin sein. Den Zauber eines Gedichtes vermag auch die kleine Form zu vermitteln. Frantz Wittkamp, der sich hier um eine Stubenfliege sorgt, ist ein Meister dieser humorbegabten „Fingerhut-Poesie“. Seine Kurzlyrik macht den Leser geradezu zwangsläufig zum Hörer, so wie einst James Krüss mit seiner Henriette Bimmelbahn jedes Kind (samt Eltern) auf eine akustisch-sinnliche Erlebnisreise schickte. Die Freude an Klang und Rhythmus befeuert auch viele Gedichte von Paul Maar und macht sie so zu quasi interaktiven Wortspielen, deren Lautbilder man gerne mit der Stimme abtastet, so wie man eine schöne Kastanie durch seine Finger wandern lässt (ja, es wird Herbst).

Nur Mut

Keine Meise, keine Möwe
kann so brüllen wie ein Löwe.
Doch versteht der Wüstenkönig
wiederum vom Fliegen wenig.
Der kann dies,
der andere das.
Im Grunde genommen
kann jeder was!

Dieses Gesprochenwerdenwollen von Poesie, ihre tatsächlich einzigartige sprachmagische Vereinnahmung des Adressaten macht diese Kunstform so spannend. Aber was hat das Ganze mit Storytelling zu tun?

Dicht auf den Versen

Eine gute Geschichte geht uns nah. Im besten Fall löst sich die Grenze zwischen Objekt und Subjekt auf und man ist vollkommen vom Stoff gefangen. Eben diese Nähe zu erzeugen, ist die Kunst der Erzählung. Sie erreicht das über vielfältige Mechanismen. Vom Rühren an Gefühlen, dem Einsatz von Bildern oder dem gezielten Aufbau von Spannung war in diesem Blog schon an anderer Stelle die Rede. Und natürlich lässt sich mit Gedichten ebenfalls ganz hervorragend und auf ähnliche Weise über die Mauer zwischen dem Ding und seinem Betrachter springen. Die geringe Größe dieser literarischen Minimalform sollte nicht über ihre großen Möglichkeiten hinwegtäuschen – gerade wenn es dabei um Kinder geht. Sie haben besonderen Spaß an Reimen und Lautmalerei. Klang und Rhythmus ziehen in den Text hinein und eine originelle Bildsprache taugt gar zur bleibenden Erinnerung.

Buchseite aus „Lurchis gesammelte Abenteuer“

Salamander lebe hoch – An Lurchis Abenteuern sind nicht nur die aufwendigen Illustrationen bemerkenswert, sondern auch der Text in Reimform.

Ein Gedicht verdichtet, es hebt die kleinen wie großen Wahrheiten über das Leben aus dem bloßen blinden Rauschen hinein in die Sprache und ins Licht, es führt vor Augen, setzt ins Bild, berührt, bewegt oder unterhält – ganz ohne weitere Absicht. Ein Stückchen Welt nach Versen ausgemessen im Taschenformat wie eine gegen das Licht wunderbar schimmernde Murmel. Die kleine Erheiterung- oder im besten Falle Erkenntnis-to-go sollte eigentlich hervorragend in unsere smarte Zeit passen; so kompakt, dass sie in fast jeder Aufmerksamkeitsnische unterkommt, und so nutzerfreundlich, dass sie obendrein meist noch gut zu behalten ist.

Vom Wortspiel zur Bildakrobatik

Wie zeitgemäß und lebendig diese literarische Form tatsächlich ist, zeigt sich nicht zuletzt in den verfilmten Gedichten im Internet. Bei der „animated poetry“ erfährt Lyrik ihre videografische Übersetzung. Billy Collins „Forgetfulness“ wurde zu einem der meistzitierten Beispiele für diese Spielart und erreichte über eine halbe Million Nutzer – nicht schlecht für ein Gedicht. Was die aus der individuellen Assoziation gelöste und in ein fixes Bewegtbild gegossene Interpretation dem Text an Freiheit nehmen mag, machen die vielen Varianten wett. Jeder kann sich an einer eigenen Auslegung versuchen. Von Charles Bukowskis „Roll the Dice“ gibt es unzählige Versionen. Dabei übernehmen viele Interpreten die Rezitation von Tom O‘Bedlan aus der Verfilmung von Willem Martinot. Sein Lyrik-Clip erreichte über eine Million Menschen. Durch entsättigte Farben und eine offene Bildkompositon schafft er das Kunststück einer zum Text passenden visuellen Ebene, die trotz ihrer Stimmigkeit nicht zum Wort in Konkurrenz tritt. Es bleibt die Stimme, die führt. Die Musik greift zudem die Dynamik der Rede auf und steigert sich zum Ende hin. Bukowskis Text selbst enthält mit Aufbruch, Konflikt und Erlösung darüber hinaus einige der aus erzählerischer Sicht klassischen Elemente einer Heldenreise.

Überhaupt erfreut sich der Autor im Internet einer großen Beliebtheit. Seine Themen bieten offenbar einen guten Resonanzboden für die Abenteuerlust und das Freiheitsstreben der Generation Y. So griff bezeichnenderweise auch die Go Forth Kampagne von Levi‘s neben Whitman und Byron auf einen Text von Bukowski zurück. Die Filmaufnahmen zu dem Spot machte Ralf Schmerberg. Der Berliner Regisseur hatte bereits 2003 gezeigt, wie viel Poesie bewegte Bilder transportieren können. Sein Film Poem schaffte es sogar auf die Kinoleinwand. In ihm lässt er unter anderem zu Heiner Müllers Gedicht „Ich kann Dir die Welt nicht zu Füßen legen“ Brautkleider in Flammen aufgehen oder Motten um eine Glühbirne im Dunkeln fliegen, während eine Kinderstimme „Der Falter“ von Isabel Tuengerthal rezitiert.

Wo wir gerade von fliegenden Kleinstlebewesen und der Freude am Reimen sprechen, sei es gestattet, sich zum Ausklang einen gänzlich persönlichen Reim auf den Anfang dieses Beitrags und die Wittkampsche Stubenfliege zu machen:

Die Fliege zieht noch ihre Kreise.
In meinen Schlaf schlägt sie ne Schneise.
Sie kurvt ums Dunkle sehr behende.
Ich fürchte, mit ihr nimmt‘s kein gutes Ende.

fin

PS. Reimen macht Spaß. Probieren Sie es aus!

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Philippe Patra // © privat

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Philippe Patra studierte Web-Journalismus, Theologie und Content Management in Münster und Leipzig, ist freier Online-Journalist, Multimedia-Storyteller und Texter. Er arbeitete unter anderem für Misereor, Unicef und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Als Nordlicht im Exil tendiert sein roter Faden ins Blaue, flattert bei West bis Nordwest wahlweise mit 48 Kilohertz, 25 Bildern pro Sekunde oder auch in fünf Akten und mag sich das Staunen einfach nicht abgewöhnen.

Er bloggt an dieser Stelle regelmäßig zu Themen rund ums Storytelling in den Kategorien „Best Cases“ und „Interviews“.