Ein Bild von mir

Von den Tücken der gelungenen Selbstdarstellung – oder: Chancen und Risiken von Imagefilmen

Selfie

Da hat wohl jemand zu dick aufgetragen. Es ist Sommer. Das Rauschen der Wellen am Strand wird übertönt von einem bunten Stimmengewirr. Kinder springen begeistert in die Wogen. Besorgte Eltern stehen am Rande ihres Handtuchs, die gen Meer gerichteten Augen mit der einen Hand gegen die Sonne abgeschirmt und rufen ihre Jüngsten wieder zurück ins flachere Wasser. Sandburgen werden gebaut und von der Brandung oder wilden, kleinen Füßen wieder geschliffen. Auf einem Steg knien zwei Steppke und loten das Wasser mit Faden und Miesmuschel aus, auf der Suche nach Krebsen. Ein Gleichaltriger mit Eis in der Hand gesellt sich dazu und begutachtet den bisherigen Fang. „Ha, die sind aber klein. Ich habe neulich viel größere gefangen.“ Er beschreibt mit freier und eisbewehrter Hand eine untertassengroße Fläche. „Ihr müsst Speck nehmen. Drüben bei der Kaimauer geht das viel besser. Soll ich mal machen?“ Einer der kleinen Angler löst seinen konzentrierten Blick von der Wasseroberfläche und blinzelt zur sonnengebräunten Krebsfängerkompetenz in Badehose hinauf. „Du bist ein Angeber.“ Damit ist das Gespräch beendet.

Der Wink mit dem Selfiestick oder weniger ist mehr

Als Angeber abgestempelt. Das gleiche Schicksal aus gleichem Grund erleiden vermutlich nicht wenige Imagefilme, die doch nur dem natürlichen Streben folgen, das eigene Unternehmen ins rechte Licht zu rücken. Sie sind gewissermaßen die Selfies unter den Bewegtbild-Formaten und meistens genauso spannend, wie die Bilder vom Urlaub der Nachbarn. Die Frage, wie viele dieser Filme wirklich bis zum Ende geschaut werden, wäre eine eigene Statistik wert. Und das, obwohl die Fettnäpfchen Eigenlob und Hochglanzrhetorik längst Legion sind. Die allzu geschwollene Brust der filmischen Selbstdarstellung ist tatsächlich so verbreitet, dass sie mittlerweile zur Persiflage taugt. Der Objektiv- und Kamera-Hersteller Sigma hat mit seiner „Mutter aller Imagefilme“ ein augenzwinkerndes Beispiel für eine solche Klischee-Kritik umgesetzt. In „S‘Leben is a Freid!“ wird das Pathos eines bedeutungsschweren Sprachgebarens mit der Arbeit eines einfachen Obsthändlers kontrastiert.

Noch weiter auf die ironische Spitze treibt es „This is a Generic Brand Video“. Der Clip zu einem Text von Kendra Eash ist komplett aus Stock-Footage-Material montiert und entlarvt eine zum Stereotyp erstarrte Selbstdarstellung. Stellt sich die Frage: Wie soll man also von sich erzählen, wenn man nicht wie ein Angeber dastehen oder aber eben ironisch klingen will?

Eins, zwei, drei, vorbei

Eine Aufzählung von Eigenschaften – auch wenn es gute sind – bleibt letztlich eine Aufzählung und Listen sind nur in den seltensten Fällen spannend. Viel fesselnder als die Attribute einer möglichen Leidenschaft ist dagegen die Leidenschaft selbst. Der Kern jeder guten Geschichte (auch einer Unternehmensgeschichte) ist immer der notwendige Grund, warum sie es wert ist, erzählt zu werden. Von einem der auszog etwas neu oder besser zu machen ist ein allemal ansprechenderer Auftakt als das erfolgsgekrönte Porträt des ruhmreichen Heimkehrers.

Ein Beispiel: Zum 100-jährigen Jubiläum veröffentlichte Leica nicht etwa eine faktenreiche Leistungsschau der langen eigenen Unternehmensbiografie, sondern zeigte das, worum es eigentlich geht: Den Moment, das sprechende Bild einer Sekunde geschichtsmächtiger Wirklichkeit eingefangen mit einer Kamera. Anhand einer filmischen Rekonstruktion von 35 ikonografisch gewordenen Bildern zeigt Leica die Bedeutung der mobilen Fotografie, die das Studio verließ und die (politische) Welt entdeckte. Der Zuschauer wird durch Jahre der Fotografiegeschichte geleitet und kann gleichzeitig sein Wissen prüfen – Endorphinausschüttung beim Lösen der Aufgabe inklusive.

Ein Stadtrundgang der besonderen Art

Ein anderes Erfolgsbeispiel, das ebenfalls viral ging, ist zwar kein Imagefilm im engeren Sinne, doch funktioniert es durchaus als Werbefilm für eine vibrierende Metropole: Hong Kong Strong von Brandon Li. Es gibt zahllose Reisekurzfilme zu Hong Kong, doch unterscheidet sich die Version von Brandon Li in einigen zentralen Punkten. Der Film gliedert sich in drei Akte. Im ersten Teil kommen vor allem besonders die visuellen Effekte zum Tragen. Li bringt Dollyzooms, originelle Perspektiven, schnelle Schnitte und kunstvolle Übergänge. Er löst ein, was das geraffte Intro verspricht: Eine turbulente Fahrt durch eine ebenso turbulente Stadt.

Alles im Fluss oder ein Kirchgang wie im Fluge

Wie weit man es mit der visuellen Kunstfertigkeit treiben kann, hat unlängst auch Rob Whitworth in seinem Flow-Motion-Clip über die Kathedrale von Norwich gezeigt. Er macht deutlich, dass die visuelle Ebene einen Imagefilm nahezu vollkommen tragen kann (zumindest einen kurzen). Doch auch auf der weniger stark ausgeprägten narrativen Ebene verzichtet Whitworth nicht gänzlich auf einen Fokus. So stellt seine Kamera nach Möglichkeit immer bestimmte Figuren ins Zentrum. Auf diese Weise ergeben sich Kleinstgeschichten, die durch den Film führen.

Solche kleinen Geschichten macht sich auch Brandon Li im zweiten Teil seines 7-Minüters zu Nutze. Zu dem Zeitpunkt, an dem sich der visuelle Effekt zu erschöpfen droht, führt er drei unterschiedliche Gruppen von Protagonisten ein: Traditionelle Löwen-Tänzer, Urban Explorer und Kinder beim Versteckspiel. Um das hohe Tempo beizubehalten, sind die Szenen der unterschiedlichen Gruppen gegeneinander geschnitten. Dabei folgt jede Gruppen-Sequenz einer dreigliedrigen Struktur aus Auftakt, Steigerung und Finale. Der letzte Akt schließlich nimmt anfangs etwas Tempo raus, um dann wieder zu beschleunigen und in einem großen Feuerwerk zu münden. Eine besonders emotionale Szene schließt die Komposition ab.

Neben der durchdachten Dramaturgie und der so dynamischen, wie originellen Kamera, ist es auch die Intimität des Blicks, die den Film so besonders macht. Li zeigt nicht nur Fassaden oder Passanten auf öffentlichen Plätzen, sondern Menschen in ihren Wohnungen bei Gesellschaftsspielen oder sogar beim Schlafen in ihren Betten. So entwickelt er ein lebendiges Porträt einer pulsierenden Metropole, wohingegen die bloße filmische Aneinanderreihung von Sehenswürdigkeiten – wie sie sich bei vielen städtetouristischen Imagefilmen findet – den Charme eines kulturgeschichtlichen Quartetts versprüht. Und von der jeden Stich gewinnenden Trumpfkarte ist es nicht mehr weit bis zum auftrumpfenden „Angeber“ – mit oder ohne Badehose.

Liste wo Liste gebührt – weiterführende Links:

Hong Kong Strong
https://vimeo.com/rungunshoot/hongkongstrong

Norwich … a story
https://vimeo.com/robwhitworth/norwich

Leica „100“
https://youtu.be/DMkQQSt6d8s

S‘Lebn is a Freid (Sigma)
https://youtu.be/8z7ZZgQwS2Y

This is a Generic Brand
https://vimeo.com/89527215


Philippe Patra // © privat

© privat

Philippe Patra studierte Web-Journalismus, Theologie und Content Management in Münster und Leipzig, ist freier Online-Journalist, Multimedia-Storyteller und Texter. Er arbeitete unter anderem für Misereor, Unicef und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Als Nordlicht im Exil tendiert sein roter Faden ins Blaue, flattert bei West bis Nordwest wahlweise mit 48 Kilohertz, 25 Bildern pro Sekunde oder auch in fünf Akten und mag sich das Staunen einfach nicht abgewöhnen.

Er bloggt an dieser Stelle regelmäßig zu Themen rund ums Storytelling in den Kategorien „Best Cases“ und „Interviews“.