Und plötzlich macht es Klick

Digital Storytelling

By 29. November 2017 Best Cases No Comments
Digital Storytelling

Digital Storytelling erzählt Geschichten, die viele Talente haben. Im besten Fall berühren sie nicht nur, sondern lassen sich auch berühren.

„Ein wunderschöner, ruhiger, klarer Tasmanischer Sommermorgen. Ein wolkenloser Himmel; kaum Wind. Nicht zu heiß, noch nicht. Woran sie sich noch erinnern: Da waren keine Vögel. Zumindest hörten sie keine. Keinerlei Vogelstimmen. Das war seltsam. Unheimlich gar. Als würde etwas seinen Atem anhalten.“

So beginnt das Onlinefeature „Firestorm“, das der Guardian vor einigen Jahren produziert hat. Es erzählt die Geschichte der Familie Holmes aus Tasmanien. Im Sommer sind Waldbrände dort nichts Ungewöhnliches. Kein Grund zur Sorge also, als an einem besonders schönen Morgen in weiter Ferne am Horizont Rauchwolken aufsteigen. So dachten Tim und Tammy Holmes, die an diesem Tag ihre Enkelkinder bei sich zu Gast hatten. Sie sollten sich getäuscht haben.

Am Anfang waren Feuer und Eis

Das Feature erschien nicht lange nach „Snow Fall“, dem Pulitzer-Preis-gekrönten Digital-Storytelling-Projekt von John Branch, das die New York Times 2012 umgesetzt hatte (und vermutlich stand es auch ein wenig in seinem Schatten). Tatsächlich treibt „Firestorm“ den Multimedia-Gedanken gegenüber seinem viel gerühmten Vorgänger noch etwas weiter. Das zeigt sich in seinem Einsatz von Bewegtbild-Elementen ebenso, wie in seinem Sounddesign. Mit Atmo unterlegte Videoschleifen vermitteln viel von der Stimmung vor Ort. Dezent eingespielte Musik sorgt für eine emotionale Aufladung. Gleichzeitig sind die Ebenen Text, Ton und Bild sehr harmonisch miteinander verknüpft.

Sieht so die Zukunft des digitalen Storytelling aus? So fragten damals viele Medienschaffende, die sich mit der Erfahrung konfrontiert sahen, dass die lange etablierten Erzählformate aus dem Printbereich, sich nicht ohne Weiteres in die Online-Welt übertragen ließen. Berücksichtigt man die beschleunigte Taktung des digitalen Zeitalters, befinden wir uns mittlerweile eben dort: In der Zukunft. Grund genug also, einmal zu schauen, wohin die Reise seit jenen ersten innovativen Meilensteinen gegangen ist. Haben sie tatsächlich ein neues Format geprägt?

Die schiere Menge an multimedialen Erzählstücken hat in den letzten fünf Jahren zweifelsohne enorm zugenommen. Kaum ein größerer Online-Auftritt mit redaktionellem Anspruch kommt heute noch ohne dieses Format aus – in welcher konkreten Spielart auch immer. Von der Audioslideshow über eine multimedial angereicherte Reportage bis zur Minidokumentation oder zum aufwendigen Scrollytelling-Projekt findet sich alles. Ob Pageflow, Atavist, klynt, oolipo oder andere Tools – es gibt mittlerweile sogar eine ganze Reihe von Anwendungen, die Autoren bei der Erstellung entsprechender Inhalte unterstützen. Doch trotz dieser Entwicklung sind Features à la „Snow Fall“ und „Firestorm“ nach wie vor selten geblieben. Warum?

Vorne hui, hinten auch

Natürlich ist da einmal der enorme Aufwand. John Branch arbeitete ein halbes Jahr an seiner Geschichte. Und wie bei seinem Scrollytelling-Feature waren natürlich auch an „Firestorm“ neben dem Autor noch viele weitere Personen beteiligt – Kameraleute, Cutter, Sounddesigner, Graphiker, Entwickler, um eine Auswahl zu nennen. Sofern man die Möglichkeiten des ‚Multimediums‘ Internet bei der Produktion narrativer Inhalte ausschöpfen möchte, liegt der große Aufwand gewissermaßen in der Natur der Sache. Es braucht nicht nur Expertise in den Bereichen Text, Photo, Film, Audio und Design sondern auch auf dem Feld der User Experience. Schließlich müssen alle diese Komponenten von einer ‚Regie‘ zu einer stimmigen Komposition zusammengeführt werden. Spätestens hier kommen neben den Kosten auch inhaltliche Aspekte zum Tragen. Dabei spielen zwei Gesichtspunkte eine besondere Rolle.

Bitte berühren – Geschichten zum Anfassen

Es ist eigentlich eine Binse und doch trägt man mit ihr offenbar noch keine Eulen nach Athen, wie die ‚Lektüre‘ vieler aktueller Produktionen vermuten lässt: Durch Bücher kann man schlicht blättern, wohingegen die Interaktion mit der Geschichte beim digitalen Storytelling selbst ein gestaltendes Element innerhalb der Erzählung werden kann. Gerade dieser spezifische Berührungspunkt zwischen Stoff und Publikum birgt die besonderen Chancen des digitalen Formats. Eine multimedial erzählte Geschichte funktioniert dann besonders gut, wenn ihr Interaktionsdesign nicht nur der Nutzerführung, sondern auch der Narration selber dient. Das sind zugegebenermaßen zwei anspruchsvolle Aufgaben, die hier miteinander verbunden werden müssen, doch letztlich steht jede kreative Disziplin an dieser Stelle vor den gleichen Herausforderungen. Daraus folgt zum Beispiel, dass es nicht beliebig sein sollte, ob Nutzer sich durch den Content scrollen, swipen oder klicken müssen. Genauso wäre auch das ‚Verhalten‘ der einzelnen Bildschirmelemente im Hinblick auf einen möglichen Beitrag zur Geschichte zu hinterfragen. Mit Zunahme der „digitalen Literalität“ beim Publikum wächst auch das Repertoire von zumutbaren Effekten oder Interaktionen. Das war nicht wesentlich anders, als die Bilder laufen lernten. Auch am Anfang der Filmgeschichte mussten Kamera und Sehgewohnheiten zueinander finden. Vielleicht sind Autoren von Onlinefeatures daher gut beraten, wenn sie bei zukünftigen Projekten einem Gamer oder besser einer Spieleentwicklerin einmal über die Schulter schauten.

Schlechtes Karma ohne Drama

Während sich die Herausforderungen in Sachen Interaktionsgestaltung beim Digital Storytelling zu einem guten Teil aus dem Neuland-Charakter erklären (so sind trotz einiger mittlerweile gelernter Standards viele Nutzungskonventionen immer noch im Fluss), handelt es sich bei dem anderen ‚erfolgskritischen‘ Aspekt um einen Klassiker: Die Dramaturgie. Sowohl Snow Fall als auch Firestorm verfügen über ein spannungssensibles Drehbuch. Natürlich gehört die dramaturgische Finesse seit jeher zum Handwerkszeug eines Journalisten. Trotzdem besteht bei Multimedia-Geschichten immer die Gefahr, dass die spannungsreiche Konstruktion einem bunt schillernden Patchwork aus unterschiedlichen Medienformaten zum Opfer fällt. Für eine gute Geschichte reicht es aber nicht aus, Text, Film, Photo und ein paar Tonelemente lediglich miteinander zu kombinieren, nach dem Motto: Je vollständiger der Medienfächer, desto wertvoller die Story. Das mag vielleicht dort erlaubt sein, wo der ursprüngliche Ansatz kein erzählender, sondern ein erklärender ist. Die größte Stärke von digitalem Storytelling besteht aber in dem Herstellen von Nähe. Und eben dafür braucht es einen dramaturgischen Bauplan.

Wie sehr dieser etwa bei Firestorm zum Tragen kommt, wird gleich in den ersten Zeilen deutlich. Wer will nicht wissen, wie es Familie Holmes in Anbetracht der sich ankündigenden Katastrophe ergehen wird?

Links:

Firestorm

https://www.theguardian.com/world/interactive/2013/may/26/firestorm-bushfire-dunalley-holmes-family

Snow Fall

http://www.nytimes.com/projects/2012/snow-fall/#/?part=tunnel-creek

Aktuelle Produktionen:

The Fine Line

https://www.nytimes.com/interactive/2016/08/05/sports/olympics-gymnast-simone-biles.html

A New Age of Walls

https://www.washingtonpost.com/graphics/world/border-barriers/global-illegal-immigration-prevention/

The Waypoint

https://www.washingtonpost.com/graphics/world/lesbos/


Philippe Patra // © privat

© privat

Philippe Patra studierte Web-Journalismus, Theologie und Content Management in Münster und Leipzig, ist freier Online-Journalist, Multimedia-Storyteller und Texter. Er arbeitete unter anderem für Misereor, Unicef und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Als Nordlicht im Exil tendiert sein roter Faden ins Blaue, flattert bei West bis Nordwest wahlweise mit 48 Kilohertz, 25 Bildern pro Sekunde oder auch in fünf Akten und mag sich das Staunen einfach nicht abgewöhnen.

Er bloggt an dieser Stelle regelmäßig zu Themen rund ums Storytelling in den Kategorien „Best Cases“ und „Interviews“.