Von Bären, Pferden und Seeungeheuern

Am 20. März ist Weltgeschichtentag. Grund genug einmal mit etwas Nachsicht auf ein oft verschmähtes kreatives Genre zu schauen: das Ammenmärchen.

Ammenmärchen

Flunkern, schwindeln, übertreiben – wer es mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt, wird schnell der Lüge bezichtigt. Doch auf den zweiten Blick lässt sich die Frage nach Wahrheit oder Dichtung keinesfalls immer so einfach beantworten. Schließlich lügt jeder Mensch und das mehrmals täglich. Nicht nur besonders phantasiebegabte Kinder loten in oft kreativen Ausschmückungen ihr Verhältnis zur Wirklichkeit aus. Manchmal greifen auch Erwachsene gerne zum Seemannsgarn – selbst wenn sie nie zur See gefahren sind. Und wer den Zeigefinger mal für einen Moment in der Tasche lässt, stellt möglicherweise fest, dass man an Ammenmärchen sogar etwas über Storytelling lernen kann.

Erzähl mir einen vom Pferd

Dunkel war’s, der Mond schien helle, Schnee lag auf der grünen Flur, als ein Auto blitzeschnelle langsam um die Ecke fuhr. Drinnen saßen stehend Leute, schweigend ins Gespräch vertieft, als ein totgeschossner Hase auf der Sandbank Schlittschuh lief.

Das kunterbunte Lügengedicht aus Kindertagen hat noch viele weitere Strophen zu bieten, die ebenfalls um keine Torheit verlegen sind. Es bindet seinen Lesern in einem fort einen Bären auf (oder besser einen schlittschuhlaufenden Hasen). Seine Reime sprengen jede Logik. Satz für Satz reiht sich ein Widerspruch an den nächsten. Und doch kräuselt sich weder das Papier unter all den falschen Behauptungen, noch fliegen die Buchstaben auseinander. Am Ende steht ein unvergesslich schräges Bild im Gedächtnis; absurd und markant wie eine jener unmöglichen Figuren aus der Feder von M.C. Escher. Aber ergibt solch ein Aberwitz irgendeinen Sinn?

In seiner permanenten Grenzüberschreitung führt der Spaßreim jeglichen Realitätsanspruch ad absurdum. Kinder können am melodischen Rhythmus nicht nur ihre Freude an der Sprache entdecken, sondern bekommen auch den offenen Horizont der Phantasie lebhaft vor Augen geführt. In der Kunst ist alles möglich. Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune – konnte schon Pippi Langstrumpf von der Freiheit der Imagination ein Lied singen. Das Spiel mit offensichtlichen Widersprüchen weckt auf und schärft die Aufmerksamkeit. Je drastischer der Gegensatz dabei ausfällt, desto stärker ist seine Wirkung. Das Stilmittel dazu heißt Oxymoron.

Sand im Getriebe der Bedeutungsmaschine

Kanizsa triangleDas Talent eines Oxymorons besteht in der Störung, mit der es den Aneignungsprozess unterbricht. Unsere Wahrnehmung ist eine mustererkennende Bedeutungsmaschine. Gut veranschaulichen lässt sich das am sogenannten Kanizsa-Dreieck. Der italienische Psychologe Gaetano Kanizsa zeigte Mitte des letzten Jahrhunderts anhand eines Konturen-Dreiecks, wie die menschliche Wahrnehmung auch dort Linien ergänzt, wo ursprünglich gar keine sind. Auf der Suche nach Bedeutung überspringen wir also manche Lücke und suchen selbst unvollständige Informationen in einer Weise zu arrangieren, die uns plausibel erscheint. Widersinn sperrt sich der unmittelbaren Deutung – und fällt gerade darum auf. Wir stolpern beim Lesen gewissermaßen über eine Unebenheit. Und manchmal braucht es eben auch einfach widersprüchliche Begriffe, um die Wahrheit dazwischen zum Ausdruck zu bringen. Oder würden sie ein ‚beredtes Schweigen‘ für Unfug halten?

Am roten Faden durch das Labyrinth

Natürlich verleiht der gewollte Bruch einem Text auch mehr Kontrast. Auf diese Weise lässt sich eine Erzählung aufladen und verdichten. Und genau darum geht es ja in Geschichten: Die Wirklichkeit ereignisreicher und bunter zu machen. Eine Kopie des Alltags würde schließlich niemanden interessieren. Dass besonders blumige Ausmalungen auch besonders viel Aufmerksamkeit bringen, ist etwas, das bereits die Kleinen schnell verstanden haben.

Doch nicht nur die beabsichtigte Störung ist ein Stilelement, dessen wir uns im täglichen Miteinander öfter bedienen, als uns bewusst ist. Ebenso beständig greifen wir auf das glättende Arrangement zurück, um all die losen Teile, die unser Leben ausmachen, handhabbarer zu ordnen. Die andauernde Suche nach Sinnzusammenhängen greift auch auf der biographischen Ebene. Die narrative Psychologie geht davon aus, dass wir alle Erzähler unserer eigenen Identität sind. Über Narrationen verwandeln wir Erlebtes in subjektiven Sinn und stellen so ein schlüssiges Selbstbild her. Das Garn, mit dem Menschen an ihrem Leben stricken, ist der roten Faden einer Geschichte. Denn schließlich möchte niemand wie der Kaiser im Märchen von Hans Christian Andersen nackt durch die Straßen laufen. Dass die Erinnerung beim Spinnen ihrer Kleider hie und da auf ein wenig Seemannsgarn zurückgreift, ist dabei vermutlich so unvermeidlich wie verzeihlich. Und wenn das nicht die Wahrheit ist, so ist es doch gelogen.


Philippe Patra // © privat

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Philippe Patra studierte Web-Journalismus, Theologie und Content Management in Münster und Leipzig, ist freier Online-Journalist, Multimedia-Storyteller und Texter. Er arbeitete unter anderem für Misereor, Unicef und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Als Nordlicht im Exil tendiert sein roter Faden ins Blaue, flattert bei West bis Nordwest wahlweise mit 48 Kilohertz, 25 Bildern pro Sekunde oder auch in fünf Akten und mag sich das Staunen einfach nicht abgewöhnen.

Er bloggt an dieser Stelle regelmäßig zu Themen rund ums Storytelling in den Kategorien „Best Cases“ und „Interviews“.