„Ob Wahrheit oder nicht, ich glaube die Geschichte“

Storytelling funktioniert immer. Aber manchmal kann man sich nicht darüber freuen.

Menschen brauchen Geschichten, weil sie ihnen Struktur und Sicherheit geben, weil sie mit ihrer Hilfe ihren Alltag ordnen. Und weil sie unartikulierte Wertvorstellungen und Emotionen greifbar machen. Angst, Unbehagen, ein dauerhaftes Gefühl der Bedrohung, sind Emotionen, die seit Menschengedenken in fiktionalen Geschichten symbolisch verarbeitet werden. So weit, so akademisch (Zwar akademisch, aber trotzdem leichte Lektüre: Jonathan Gottschall, The Storytelling Animal – How Stories make us Human, New York 2012)

Wie der Alltag zur Fiktion wird, war unlängst in der Süddeutschen Zeitung zu lesen („Wut sucht Wahrheit“, SZ vom 28. Januar 2016). Die Überschrift dieses Blog-Eintrags zitiert eine Frau, die vom NDR zu den Gerüchten interviewt wurde, ein elfjähriges Mädchen sei von Flüchtlingen entführt worden – was nachweislich eine Falschinformation war. Ebenso wie die Geschichte, muslimische Migranten hätten Schafe gestohlen, geschächtet und verzehrt. Vergewaltigungsopfern wurden nicht die Ohren abgeschnitten, und es wurde auch keine Fünfjährige von Flüchtlingen gegessen. Trotzdem halten sich diese Geschichten hartnäckig, werden weiter erzählt und ausgeschmückt und enden als vermeintliche Tatsachen im Internet und an Stammtischen.

Was eigentlich eine Stärke von Storytelling ist, nämlich seine Nachhaltigkeit, gilt also leider auch im Negativen. Geschichten sortieren, verdichten und bleiben im Bewusstsein. Leider auch, wenn sie undifferenzierte Befürchtungen und Vorurteile festigen helfen – eine Schattenseite des Storytellings.

Schließlich entsteht eine Grundstimmung, auf die Ereignisse passend gemacht werden: Am Donnerstag der vergangenen Woche wurde in Hamburg-Eppendorf eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Wenn so eine Bombe gefunden wird – und das passiert häufig in Hamburg – wird ein Areal abgesperrt und Menschen müssen für ein paar Stunden ihre Wohnungen verlassen. Diesmal saß ich bei meiner Augenärztin in einem anderen Stadtteil Hamburgs, als eine Patientin anrief und sich entschuldigte – sie käme aus Eppendorf nicht heraus. Alles sei abgesperrt, wegen einer terroristischen Bombenwarnung …

Mindestens ein Stückchen weit strukturiert sich jeder von uns seine Wirklichkeit, wie sie gerade ins mentale Weltbild passt.