Der große Kinderzimmer-Irrtum

Cinderella Bedroom by Mark Wilkinson Furniture

Zugegeben, jedes Kind hätte für sein Leben gern ein  Abenteuerbett gehabt.  Sie erinnern sich? Doppelstockbetten mit Kranbalken und Kletterseil oder hochbeinige Betten mit Höhlenmöglichkeit darunter. Wenn Kinder solche Betten hatten, wurden deren Möglichkeiten oft nur zweckentfremdet wahrgenommen. Zweckentfremdet, indem sie als Vorlagen dafür dienten, wie 3- bis 7-Jährige mit Fiktionen umgehen.

Denn in diesem Alter erfinden die Kinder ihre Geschichten weitgehend selbst. Sie nehmen diese Geschichten sehr ernst. Sie sind eigentlich Drehbücher des So-tun-als-ob und kennen keine Limitierungen. Alles kommt vor: bei Mädchen allerdings meistens die häusliche Idylle von Mutter und Kind (selten Vater), bei Jungen eher das feindliche Leben in Form von Drachen und Schurken. Eines aber haben sie alle gemeinsam – immer gibt es Ärger, immer droht eine Gefahr, nie bleibt die Spielwelt unerschüttert. Die häusliche Idylle wird plötzlich von einem babyfressenden Monster mit riesigen gelben Zähnen gestört oder der Drache erweist sich als unverwundbar, feuerspeiend und fähig, sich blitzschnell in eine Kriegsmaschine zu verwandeln. Glücklicherweise werden alle diese Gefahren mit Klugheit und Mut bewältigt. Genau so wie Jahre später die echten Herausforderungen mit Mut und Klugheit bewältigt werden, für die diese Spielgeschichten eine Vorbereitung sind.

In diesen Als-ob-Geschichten ist alles erlaubt, die Assoziationen sind ungebremst und die Handlungen schlagen die atemberaubendsten Haken. Allein das zeigt schon, dass vorgefertigte Geschichten-Settings allenfalls Anregung für eigene Erfindungen sein können. Das scheinen aber manche  Erwachsene nicht verstanden zu haben – das Kinderzimmer als bisher letzter Design-freier Raum soll zum durchgestylten „Themenkinderzimmer“ werden. Viele Eltern nehmen diesen Trend auf und überlassen ihre Kinder dem Grauen von „My first Dream House“ und anderen vermeintlich kindgerechten Szenarios. Bestenfalls kommt es bei den Kindern zu einem kurzen Wow-Effekt. Danach wird das Kinderzimmer wieder das, was es immer war: ein Raum, in dem ganz viele Geschichten darauf warten, ausagiert zu werden.

Hinter dem Themenkinderzimmer steckt eine falsche Auffassung von Storytelling. Geschichten „aus zweiter Hand“ – erzählte oder vorgelesene Geschichten – dienen die ersten sieben Lebensjahre in erster Linie als Brennstoff für Feuerwerke der Vorstellungskraft.  Ähnliches gilt für die Umgebung der Kinder – sie mögen zwar die Spielmöglichkeiten begeistert nutzen, die die lebensgroße Aschenputtel-Kutsche in sich birgt, aber ob sie in den selbst inszenierten Spielgeschichten als Kusche dient, oder als U-Boot oder als fliegende Riesenseifenblase, bestimmt allein die Vorstellungskraft der Kinder. Und um diese zu befeuern, reicht der sprichwörtliche Pappkarton.

Erst später, ab ungefähr sieben Jahren ändert sich das. Erst wenn die Kinder gelernt haben, Fiktionen und Wirklichkeit voneinander abzugrenzen, erhalten nicht selbst geschaffene, „fremde“ Geschichten eine Bedeutung. Entweder als Fluchtpunkt aus den Anforderungen des Alltags oder als Projektionsfolie und zur Überprüfung für die gesellschaftlichen Normen und Werte, die sie inzwischen kennen und nach denen sie sich verhalten (müssen).

Insofern ist es vielleicht nur nostalgische Sehnsucht von ihren Autoren, wenn so bekannte Kinderbuch-Helden wie Pippi Langstrumpf oder Peter Pan davon träumen, nie groß werden zu müssen. Es mag ja sein, dass es objektiv schöner wäre, in einer idyllischen Kinderwelt ohne große Verantwortung und ohne große Gefahr und Herausforderung für immer zu verweilen. Das ist ein Wunsch, den ich von Kindern noch nie gehört habe. Ich kenne aber ein paar Mütter, die so reden. Nämlich dann, wenn ihre Kinder den elterlichen Schutzschirm verlassen wollen.

Das Bild (Cinderella Bedroom. Foto: Mark Wilkinson Furniture) und die Informationen zum Themenkinderzimmer stammen aus der Reportage „Spielplatz der Eitelkeiten“ aus der SZ vom 7./8. März 2015.