Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt

Ich weiß nicht, ob Astrid Lindgren wirklich an das gedacht hat, was heute Storytelling heißt, als sie ihrer Pippi Langstrumpf diese Worte in den Mund gelegt hat. Jedenfalls hat sie damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Eine wichtige Funktion von Geschichten besteht darin, dass sie dem Leben Ordnung, Struktur und Sicherheit geben. Geschichten machen das Leben plausibel. Jeder von uns nutzt Geschichten, um sein Selbstbild zu formen. Überlegen Sie mal, wie Sie einem Gesprächspartner Ihren – sagen wir – gestrigen Arbeitstag schildern würden. Würden Sie nicht die nackten Fakten zu einer Geschichte ordnen? Mit einer erzählerischen Chronologie, handelnden Personen und komischen oder dramatischen Situationen? Und sind Sie nicht irgendwie immer der Held dieser „Geschichte eines Arbeitstages“?

Manche Anbieter von Konsumartikel nutzen diese Funktion von Geschichten um ihren Kunden ein Selbstbild zu suggerieren, zu dem die angebotenen Produkte passen. Vor ein paar Tagen bekam ich den neuen Katalog von Mey & Edlich, einem Modelabel für Männer um die 35. Davon abgesehen, dass der ganze Katalog ein Paradebeispiel für gelungenes Storytelling darstellt, ist mir besonders ein Artikel aufgefallen: eine Mütze, eine Zeitungsjungen-Kappe. Ich zitiere: „Darunter steckt immer ein kluger Kopf. Die Kappe stammt etwa aus den Zwanzigern und hat mit bürgerlichen Zylinderträgern nicht viel am Hut. Vielmehr war sie Symbol der Jungs, die Zeitungen austrugen. Mit intellektuellem Geist bedeckt sie nach wie vor aufgeweckte, lebensbejahende, kritische Köpfe, die keine Lust haben, Statussymbole zur Schau zu tragen.“ Entsteht beim Lesen nicht gleich ein Bild vom Berlin der 20er Jahre? Vom Alexanderplatz Alfred Döblins? Denkt man nicht gleich an Kästners Emil? Wenn also ich die Mütze kaufe, werde ich Teil der urbanen, kreativen, intellektuellen Elite (Meine Kinder würden vermutlich den Begriff „Hipster“ benutzen.), und ich bin dem Anbieter dankbar für seine Unterstützung beim Entwurf meines Selbstbilds. Wahrscheinlich würde ich beim nächsten Mal wieder bei Mey & Edlich kaufen.

Apropos Held der eigenen Geschichte: Schon mal von Narcocorridos gehört? Das sind in Mexiko sehr populäre Balladen, die von Rauschgift-Bossen in Auftrag gegeben werden und den Anbau und den Handel mit Drogen und die daraus resultierenden bewaffneten Auseinandersetzungen als Heldenepen verherrlichen – mittlerweile ein etabliertes Musik-Genre. Hier ein paar Beispiele.

So also kann Storytelling gehen: Aus Selbstbild wird Weltbild. Die individuelle Geschichte wird umgedeutet und zum Identifikationsangebot für Viele.